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SCHALLER – GEDANKEN XIV

So wie wir alle ist auch ÖTV-Sportdirektor Gilbert Schaller überzeugt, dass sicher mehr drin gewesen wäre am vergangenen Daviscup-Wochenende in Graz-Unterpremstätten. Wie so viele österreichische Tennisfans hatte auch er auf die große Überraschung gehofft, die leider nicht Wirklichkeit geworden ist.

Trotzdem war dieses Daviscup-Wochenende gut für das österreichische Tennis. Wir waren trotz der Olympischen Spiele in den Medien gut vertreten und beide Melzer-Partien, im Einzel gegen Ancic sowie das Doppel waren wirklich gut und spannend. Die Stimmung war großartig; wieder einmal wurde uns vor Augen geführt, wie schön es ist, Daviscup für sein Land zu spielen und wie schön, persönlich dabei zu sein.

Selbst am Sonntag war zu meiner Überraschung die Stimmung in der Halle trotz des 0:3 noch ausgezeichnet - Dank an alle, die dort waren und ihren Teil dazu beigetragen haben.

Die Leistungen unserer Spieler wurden in den vergangenen Tagen ausführlich analysiert. Ich möchte diesen Beitrag nützen, um ein wenig über Kroatiens Tennis zu erzählen, das derzeit sicher Vorbild für mich ist. Ein Land, das knapp die Hälfte der Einwohner Österreichs hat, gewinnt den Daviscup, hat zwei Damen sowie drei Herren in den Top 100! Die Kroaten sind uns also im Moment deutlich überlegen, nicht nur den Gewinn des Daviscups betreffend. Ich habe als Coach auch mit einigen Kroaten gearbeitet und eine funktionierende Verbandstruktur kann man dort nicht wirklich erkennen. Was sie allerdings in so manchen Punkten von uns unterscheidet, ist die gesunde Einstellung zum Professionalismus im Leistungssport.

Ich war selbst noch aktiv, als ich zum ersten Mal Ivan Ljubicic gesehen habe. Beim Turnier in Palermo hat mich sein Coach darauf angesprochen, dass er einen jungen Kroaten betreue, der jederzeit zum Training zur Verfügung stünde. Mir waren diese jungen hungrigen Spieler zu meiner aktiven Zeit immer die liebsten Trainingspartner; da hatte ich die Garantie, dass die kostbare Zeit, die man während der Turniere für das Training erhält, auch von beiden Seiten genützt wird. Bei so manchem arrivierten Spieler dagegen war ich genervt von der fehlenden Intensität des Trainings; wenn ich auf dem Platz stand, wollte ich die Zeit genützt wissen.

Und so kam es, dass ich in dieser Turnierwoche einige Male mit dem damals jungen Ljubicic trainierte. Er spielte recht ordentlich, war aber sicher nicht besser wie viele andere Jugendliche zu dieser Zeit. Eines fiel mir allerdings schon damals auf: es gab sicher kaum jemanden, der so von sich überzeugt war wie dieser junge Kerl. In den Gesprächen mit ihm dachte ich mir oft „wo nimmt der nur sein Selbstvertrauen her...“ Er war so überzeugt, seinen Weg zu gehen, und im Nachhinein betrachtet kann man ihm nur dazu gratulieren. Ivan kannte schon damals seine Stärken genau, wusste worauf er vertrauen kann, und glaubte zu 100 Prozent daran. Seine Art Tennis zu spielen hat gezeigt, dass er sein Können perfektioniert hat. Seine mentale Stärke ist bewundernswert und sein vielleicht größtes Talent.

Mario Ancic fiel mir das erste Mal bei einem Future in Kroatien auf, welches er schon als 17- jähriger gewann. Zu dieser Zeit arbeitete ich mit den kroatischen Spielern Karlovic und Vajda, daher machten wir auch viele Trainingseinheiten mit Ancic. Wir haben uns immer darüber amüsiert, dass es bei ihm kein lockeres Einschlagen gab; nach der Angabe kam der Ball sofort mit voller Geschwindigkeit zurück. Karlovic war oft so überrascht, dass er nicht selten seinen ersten Ball mit Ancic ins eigene Halfcourt gespielt hat. Was mich bei Mario Ancic von Beginn weg begeistert hat war die Intensität, die er in jedem Training auf den Platz gebracht hat; aber auch seine Konsequenz. In jungen Jahren hat er seine Vorhand beinahe direkt in die Plane gespielt, aber wer glaubt, dass er beim nächsten Schlag vorsichtiger gewesen wäre, der irrt; er hat eben versucht, mehr Drall reinzugeben und der Armzug blieb derselbe.

Der Kern meiner Aussage ist, dass diese beiden Spieler auf mich eine Überzeugung ausstrahlten, die ich selten gesehen habe. Das Wissen, alles dafür zu tun um die gesteckten Ziele zu erreichen, macht jeden in seiner Persönlichkeit stärker.

Genau dies versuche ich auch unseren jungen Spielern immer wieder zu vermitteln. Und genau das ist es, was mich in der Arbeit mit den Kroaten so fasziniert hat. Ich musste sie nicht motivieren, ich war allerdings gefordert, ihren Willen in die richtigen Bahnen zu lenken. Diesen Hunger nach Erfolg wünsche ich mir von unseren Spielern; den Willen, seinen Zielen alles unterzuordnen. Schaffen sie das, dann bin ich überzeugt, dass der Tag kommen wird, an dem niemand mehr behaupten kann, dass Kroatiens Tennis das weit überlegene Vorbild sei.

Ein Nachsatz noch: Wissen Sie welches Land die meisten Spieler in den Top 20 der aktuellen ITF Jugendweltrangliste der Burschen hat? Kroatien mit vier.....

Gilbert Schaller

ÖTV-Sportdirektor

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