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PARALYMPICS IN LONDON: HENRIETT KOÓSZ - ENERGIEBÜNDEL IN SCHLAGDISTANZ

Sie hat Paprika im Blut und ihr Ziel im Visier: Henriett Koósz (Bild) ist auf dem österreichischenTennis-Gruppenbild die einzige Dame und bei den Paralympics in LONDON 2012 erstmalseine der Hauptdarstellerinnen. „Nervös bin ich nicht, eher aufgeregt, wie ein kleines Kind vor etwas ganz Besonderem!"


ÖSTERREICHISCHES PARALYMPISCHES COMMITEE


18. August 2012

MÄRCHEN & MEDAILLE.
„Nervös bin ich nicht, eher aufgeregt, wie ein kleines Kind vor etwas ganz Besonderem!“ Henriett Koósz, gebürtige Ungarin, kann ihr Glück noch kaum fassen: im September ist sie Österreichs einziger weiblicher Beitrag zum paralympischen Tennis-Turnier in London. Koósz: „Natürlich freue ich mich sehr darauf, denn das ist der Traum von allen Leistungssportlern, das ist für mich wie ein Märchen.“ Ins paralympische Turnier ist die 32-Jährige, die in diesem Jahr bereits bei den Israel-, Czech und Slovakia-Open im Einzel im Finale gestanden ist, über die Wildcard gekommen, die direkte Qualifikation hat sie verpasst, daher sind auch ihre sportlichen Erwartungen bei ihrer Paralympics-Premiere nicht zu hoch angesetzt: „Eine Medaille ist leider nicht realistisch, denn es sind 22 Spielerinnen in der Rangliste vor mir. Aber: ich sage niemals nie und werde auf jeden Fall nicht daran denken, dass ich keine Medaillenchance habe.“ Niemals aufzugeben, musste Henriett Koósz, bereits früh lernen. Ein halbes Jahr vor ihrer Matura, im Oktober 1997, stellt ein Autounfall ihr Leben auf den Kopf. Nichts ist danach wie vorher. Koósz: „Ich war mit meiner Familie unterwegs, es war zeitlich in der Früh und ich habe kurz meine Augen zugemacht, bis ich auf einmal hörte, dass mein Bruder schreit: ´Achtung Reh!´“ Danach geht alles schnell: das Auto überschlägt sich, bleibt am Dach liegen, Henriett wird zur Hälfte aus dem Fenster geschleudert.

ROLLSTUHL & MATURA. „Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich am Boden liege, mein Oberkörper draußen, meine Beine im Auto, und ich kann schwer atmen. Mein Vater hat mich gefragt: soll ich deine Beine anheben? Ich antwortete: warum, was ist mit meinen Beinen“. Henriett hatte kein Körpergefühl mehr. Erst Tage danach kann die damals 17- Jährige das Ausmaß des Unfalls realisieren: „In den ersten paar Tagen ging es mir psychisch gut, denn mir war nicht bewusst, was die Querschnittlähmung bedeutet, und ich habe immer fest daran geglaubt, dass ich mit meinem Ehrgeiz und Fleiß wieder gehen und in mein altes Leben zurückkehren kann. Erst nach vier, fünf Tagen bei der Visite haben die Ärzte laut geredet, „die Patientin wird bald in die Reha überstellt und dort auf das neue Leben im Rollstuhl vorbereitet!“ Diese Aussage war ganz schlimm.“ Unglaublich, aber wahr: im selben Jahr tritt Henriett noch zur Matura an. Koósz: „Ich wollte die Schule nicht im selben Jahr beenden, aber meine Familie und Schule haben mich im positiven Sinn gezwungen, wofür ich ein Leben lang dankbar bin.“ In der Reha lernt die junge Ungarin den gesamten Stoff, in der Matura-Hoch-Zeit bekommt sie ein Monat Reha-frei. Sie schafft die Matura mit Bravour, eine Kämpferin ist geboren.

SPARRING & MENTALTRAINING. Im Jahr 2000 geht sie nach Wien, 2004 fängt sie mit 24 Jahren mit dem Rollstuhltennis an, trainiert zuerst ein Mal, später zwei Mal pro Woche, seit Dezember 2005 ist sie von der internationalen Tour nicht mehr wegzudenken. Koósz probiert auch andere Sportarten wie Rollstuhlbasketball („Immer nur in der Halle!“), Schwimmen („Wasser war nie meins!“), Skifahren („Jeden Tag in die Kälte?“) oder Handbiken („Da fehlt mir die Taktik!“), bleibt aber beim Tennis. „Alles, was passiert, passiert aus einem bestimmten Grund!“, ist Henriett Koósz´ Lebensmotto. 2007 kommt die zielstrebige Ungarin in den österreichischen B-Kader, seit 2010 gehört sie dem A-Nationalteamkader an. Und je mehr sie erreicht, desto mehr will sie. Deswegen gibt sie ihren Beruf als Medizinproduktberaterin auf und konzentriert sich voll auf den Sport. Drei bis fünf Mal pro Woche trainiert die Wienerin, 15 Turniere spielt sie pro Jahr weltweit. Die Vorbereitung auf London läuft auf Hochtouren: neben Mentaltraining, dem Training mit ihrem Coach, Matchtrainingseinheiten mit Sparringpartnern steht vor allem das Service auf ihrer To-Do-Liste. Koósz: „Ich muss immer an mir arbeiten, aber die Hauptaufgabe ist der Aufschlag, den habe ich in der Turniersaison ein wenig vernachlässigt! Von meiner Bestform bin ich noch ein bisschen entfernt, aber ich arbeite in den nächsten Monaten hart daran.“

TEMPERAMENT & CHARME. Henriett Koósz besticht im Duell gegen die Konkurrenz vor allem durch ihr konstantes Spiel und ihre mentale Stärke, allerdings räumt die Rechtshänderin auch Schwächen ein: „Mit dem Timing habe ich manchmal Probleme, ich brauche auf den verschiedenen Bodenbelegen länger, um mich auf den Ball einzustellen und daher habe ich sehr oft Probleme mit dem richtig fahren und zum Ball stellen.“ In London wird auf Hartplatz gespielt, nicht gerade der Lieblingsbelag von Henriett Koósz, „aber ich habe bis jetzt auf Hartplatz immer gutes Tennis gespielt, auch wenn ich mich darauf nicht so wohl fühle.“ Die gebürtige Ungarin aus Peresznye ist die perfekte Mischung aus ungarischem Temperament und österreichischem Charme: sie hat Paprika im Blut, ist zielstrebig, aber auch gemütlich. Und sie hat das Zeug dazu, mit ihrer positiven Lebenseinstellung ihr Umfeld anzustecken. Koósz: „Ich bin zum Glück ein positiver Mensch und habe ständig Pläne, Ziele und Träume, wofür ich arbeite, um diese verwirklichen zu können. Ich versuche, überall nur die schönen Dinge zusehen.“ Und davon gibt’s in London sicherlich genügend.
(Quelle: Österreichisches Paralympisches Committee)

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