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ÖTV INSIDE: MIT WISSENSCHAFT ZUM SPORTLICHEN ERFOLG

Der aus Knittelfeld stammende 40-jährige Trainingswissenschafter Dr. Ernst Köppel ist seit über 5 Jahren für den Konditionsbereich im LZ Südstadt tätig. Im ÖTV INSIDE Interview berichtet er über seine Erfahrungen, Trainingsmethoden und Visionen für den heimischen Tennissport.

Herr Köppel, was sind ihre Aufgaben im Rahmen ihrer Tätigkeit?
Mein Tätigkeitsbereich ist sehr breit angelegt. Einerseits bin ich für die Trainingssteuerung für einen Großteil der Spieler und Spielerinnen im LZ Südstadt zuständig, andererseits für die Optimierung des trainingswissenschaftlichen Konzepts für ganz Österreich. Weiters ist es meine Aufgabe, die beiden Konditionstrainer Alex Dubisar und Markus Forsthuber, sowie die Physiotherapeuten Mischa Sverak und Martin Metz ins Gesamtkonzept einzubinden.
Ein wesentlicher Punkt der Arbeit im LZ Südstadt ist die Abstimmung zwischen dem Konditions- und Tennistraining unter Berücksichtigung der vorgegebenen Möglichkeiten. Da die zeitlichen Ressourcen einiger angehender Profispieler aufgrund des Schulbesuchs eher beschränkt sind, ist es meine Aufgabe, das Training für jeden Spieler bzw. jede Spielerin zu optimieren.
Durch ein umfangreiches Diagnosesystem werden Stärken und Schwächen der einzelnen Spieler und Spielerinnen ermittelt. Anhand der Ergebnisse werden von mir individuelle Trainingspläne erstellt, die von den Trainern dann umgesetzt werden. Wichtig für mich ist es, vor allem noch zeitliche Freiräume zu schaffen, die die Athleten und Athletinnen für Freizeit bzw. regenerative Maßnahmen nützen können, die für eine bestmögliche Entwicklung unbedingt erforderlich sind.

Wie sieht ihre Zusammenarbeit mit den Tennistrainern aus?
Die Kooperation und Kommunikation ist sehr intensiv, hier möchte ich ein aktuelles Beispiel bringen. Der 17-jährige Niederösterreicher Philip Lang ist im ÖTV-Beobachtungskader und wird auf der 7-wöchigen ITF-Turnierreise in Südamerika von Walter Grobbauer betreut. Aufgrund seines aktuellen körperlichen Levels ist es notwendig, während der Reise ein speziell auf ihn abgestimmtes Fitnessprogramm durchzuziehen. Es besteht aus Grundlagenausdauer, Rumpfstabilisation und Beweglichkeit sowie Kraftübungen mit Eigengewicht zum Muskelaufbau. Der Plan ist für alle Eventualitäten, die vor Ort bei den Turnieren gegeben sind, ausgelegt. Die Zielsetzung bei Philip ist es, dass er sowohl tennismäßig als auch körperlich von der Turnierreise stärker zurückkehrt. Walter Grobbauer kontrolliert den vorgegeben Plan und ich erhalte ständig Feedback von ihm über den aktuellen Zustand des Athleten.

War der Trainingsaufbau für 2008 für die einzelnen ÖTV-Gruppen unterschiedlich?
Die ITF-Gruppe mit Walter Grobbauer hatte zur Zielsetzung, den körperlichen Aufbau bis Mitte Dezember abgeschlossen zu haben, sodass es bei den Turnieren nur mehr notwendig sein sollte, individuell an der Feinabstimmung zu arbeiten. Für die 7-wöchige Reise ist die Gruppe perfekt vorbereitet, danach gibt es wieder eine Ist-Zustands Analyse, nach deren Erkenntnissen wieder neu geplant wird.
Bei der Future-Gruppe rund um Alex Pfann war der Aufbau insgesamt über einen längeren Zeitraum geplant, einerseits durch die HSZ-Spieler, die den Grundwehrdienst absolvieren mussten, andererseits hat die Turniersaison erst mit den Futures in Bergheim begonnen. Kurz vor Weihnachten führten wir in Graz spezielle Krafttests (Muskelleistungsdiagnostik) durch, danach ging es nach Bad Waltersdorf zu „Konditionstagen“ mit „Tennisbegleitung“ und Regeneration. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für die tolle Kooperation mit Peter Westner (Freizeitpark) und Mag. Gernot Deutsch, dem GF der Therme Bad Waltersdorf, bedanken. Anders als bei der ITF-Gruppe, ist bei der Future-Gruppe die Trainingssteuerung unterschiedlich. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt in den nächsten Monaten beim Konditionstraining auf den Turnieren, da die Burschen viel unterwegs sein werden. Grundsätzlich muss im Schnellkraft- und Ausdauerbereich noch weiter intensiv gearbeitet werden. Wir versuchen besonders im Krafttraining ganz neue Wege zu gehen, nach dem Motto „Qualität vor Quantität“.
Bei den Schülern (Peter Nagovnak und Björn Treber) ist enormes körperliches Potenzial vorhanden. Dies gilt es jetzt so optimal wie möglich zu entwickeln, damit sie in weiterer Folge längere Turnierserien verletzungsfrei und vor allem auf hohem körperlich gleich bleibendem Niveau bestreiten können. Patricia Haas und Christina Auer hingegen kamen bereits mit sehr guten körperlichen Werten zu uns in die Südstadt, hier wird vor allem in Detailbereichen gearbeitet.

Was liegt ihnen in ihrer Eigenschaft als Trainingswissenschafter besonders am Herzen?
Ich würde mir wünschen, dass in Zukunft das Bewusstsein der Tennis- und Konditionstrainer dahingehend entwickelt wird, dass sie ihre Athleten und Athletinnen als „biologisches System“, das nach bestimmten physiologischen Gesetzmäßigkeiten „funktioniert“, sehen. Der Athlet ist ein sensibles Individuum und keine Maschine. Dabei sollte auch der Sportmedizin ein viel höherer Stellenwert eingeräumt werden. Wenn das System „Spieler-Trainer-Wissenschafter“ optimal abgestimmt ist und funktioniert, dann ist es möglich, Training und Wettkämpfe so zu steuern, dass Überlastungsschäden vermieden werden können und Verletzungen nur im Unglücksfall auftreten. Ein weiterer wichtiger und vielfach unterschätzter Punkt ist das Thema der Regeneration. Anpassungserscheinungen (Leistungssteigerung) wird speziell in der Regenerationsphase erreicht, da erst dort die Müdigkeit aus dem Training oder Wettkampf verarbeitet werden kann. Fehlende Regenerationszeiten führen unweigerlich zu „Übertraining“ und Folgeschäden.

Das sportmedizinische - und trainingswissenschaftliche Konzept sollte österreichweit angeboten werden, wie sieht dieses Konzept aus?
Derzeit gibt es bereits die ÖTV-zertifizierten Untersuchungsstellen in Innsbruck, Salzburg, Graz, Linz und in der Südstadt, an die sich tennisinteressierte Personen wenden können. Angeboten werden sportmotorische Tests, sport- und leistungsmedizinische Untersuchungen sowie diverse „Feldtests“. Zurzeit werden diese Untersuchungsstellen noch nicht so genützt, wie es unseren Vorstellungen entspricht. Meines Erachtens nach ist das Bewusstsein in der österreichischen Tennisszene noch nicht ausgeprägt genug, um die Wichtigkeit der interdiszplinären Betreuung für jeden einzelnen Athleten zu erkennen. Teilweise werden Tests nur gemacht, weil sie vorgeschrieben sind und werden nicht als „Ausgangspunkt“ für die Trainingsplanung gesehen. Ohne zu wissen, wo man „steht“, kann man nicht gezielt trainieren.
An diesen Untersuchungsstellen sollte zukünftig mehr „Aufklärungs- und Informationsarbeit“ geleistet werden. Dies ist unbedingt erforderlich, denn das soziale System bringt es heute einfach mit sich, dass sich die Kinder allgemein weniger bewegen und die Leistungsfähigkeit immer mehr abnimmt. Dazu kommt noch, dass sehr einseitig trainiert wird, d.h. nahezu nur tennisspezifisch. Dadurch fehlen aber die für den Tennissport unbedingt notwendigen Bewegungserfahrungen und der für das Spitzentennis notwendige Fitnesslevel .
Um den Trainern, Vereinen etc. die Arbeit zu erleichtern, werden wir Rahmentrainingspläne und Anforderungsprofile für alle Altersgruppen entwickeln und zur Verfügung stellen, damit ein systematisches und zielgerichtetes Training gewährleistet ist.

Wie sehen Ihre Visionen für den österreichischen Tennissport 2008 und für die weitere Zukunft aus bzw. was würden Sie verbessern?
Ich würde mir wünschen, dass wir es wieder schaffen, viele Kinder und Jugendliche zum faszinierenden Tennissport zu motivieren und ihnen finanziell leistbare Ausbildungszentren anbieten, in denen sie ihr persönliches Leistungsvermögen maximal auszuschöpfen können.
Für die Spieler des ÖTV-Kaders wünsche ich mir, dass die Future-Gruppe zunächst den Einstieg und in weiterer Folge einen großen Schritt in der ATP-Rangliste macht und die ITF-Gruppe mit Zielsetzung Grand Slam, sollte bei den Grand Slam Turnieren nicht nur dabei sein, sondern dort auch mit tollen Leistungen aufzeigen.


Vielen Dank für das Interview, ich wünsche Ihnen viel Erfolg für die Zukunft!

bh

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