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"Man muss wissen wie Spieler ticken"

Er ist einer, der im Tiroler Tennissport Akzente setzt, aber auch polarisiert. Seit 2006 sorgt Håkan Dahlbo (re.), Ex-Trainer von Patricia Mayr-Achleitner und Yvonne Meusburger (li.), als Headcoach der TTV-Academy für neue Impulse im Leistungsaufbau von talentierten Tiroler Jugendlichen. 1985 gründete der damals 23-jährige Nachwuchsprofi die ESTESS-Tennis-Academy. Eine Institution, die inzwischen als sportliches und schulisches Gymnasium mit Matura-Abschluss über die Grenzen des Landes bekannt ist. Seit kurzem sitzt Dahlbo auch als Mitglied in der ÖTV-Spitzensportkommission.



Warum wurde es 1985 ausgerechnet Seefeld?
Das war ein reiner Zufall. Ich war selbst als Nachwuchsprofi unterwegs und hatte Freunde in Tirol, die ich zufällig besuchte. Ich erlitt kurz danach aber eine schwere Schulterverletzung und wurde gefragt, ob ich in der Zwischenzeit als Coach in Tirol mithelfen möchte. Ich sagte zu, zwei Monate in Seefeld zu coachen. Und aus dieser gedachten Einzelaktion sind jetzt schon fast 30 Jahre geworden.

Seefeld avancierte danach immer mehr zum Tummelplatz von jungen internationalen Tennisprofis: Horst Skoff war dein Schützling. Auch Sylvia Plischke holte sich bei dir Ratschläge und Feinschliff. Andere Österreicher wie z. B. Stefan Lochbihler, Beate Reinstadler, Thomas Schiessling, Johannes Ager, Patricia Mayr-Achleitner und Yvonne Meusburger wurden zu professionellen SpielernInnen ausgebildet ...
... stimmt, es war in eine Zeit, in der es wenig Knowhow im Leistungstennis in Österreich gab. Da ich selbst vom Leistungstennis kam, war es für mich selbstverständlich, diesen Weg als Coach weiterzuführen. Durch meine Verletzung und die Möglichkeit in Seefeld eine Akademie zu gründen, war es für mich ein schöner Übergang. Dazu kam, dass man sich mit 23 Jahren als SpielerIn relativ alt fühlte, wenn man bedenkt dass Mats Wilander schon mit 17 Jahren Paris gewann und sogar 14-jährige Schweden die U16-Klassen fast aller Europameisterschaften und Weltmeisterschaften gewannen. Also war der Fokus immer auf die junge Garde gerichtet.

Du hast neuro-musculoskeletale Medizin, chinesische Medizin und medizinische Trainingswissenschaften studiert, bist Doktorand (PhD in musculoskeletale Wissenschaften; Anm.) an der Medizinischen Universität Innsbruck, könntest also auch Mediziner praktizieren. Inwiefern hilft dir dieser Hintergrund bei deinem Job als Trainer und Touring-Coach?
Es ist schon eine gute Sache, in vielen Fächern eine fundierte Ausbildung zu haben. Biomechanische Abläufe und Trainingslehre samt Verletzungsprophylaxe und das Erkennen von angehenden Verletzungen hat uns schon oft geholfen. (lächelt)Außerdem kann ich in vielen Fächern selbst meine Coaches ausbilden, was viel Geld und Zeit spart.

Wie man hört, pflegst du noch immer einen sehr engen Kontakt zu vielen deiner ehemaligen Spieler wie z. B. Lochbihler, Reinstadler und Schiessling. Ist die persönliche Nähe ein wichtiger Effekt, wenn man Erfolg haben möchte?
Es ist teilweise sicherlich sehr wichtig, Vertrauen aufzubauen, damit der Spieler dir ordentlich zuhört. Es ist gleichzeitig aber auch eine Gratwanderung. Manchmal kann es auch negativ sein, da durch das persönliche Verhältnis auch der notwendige Respekt verloren gehen kann.

Wie meinst du das?
Es ist schon oft passiert, dass sich die SpielerInnen oder deren Eltern alle Freiheiten rausnehmen, weil sie es gewohnt sind, dass du alles für sie machst und alle Probleme löst. Wenn du dann auf einmal nein sagst, bricht oft der Krieg aus! Es wird fast eine Art Besitzanspruch gestellt. Aber dieses Risiko muss man eingehen, wenn man mit Hochleistung zu tun haben will. Du musst wissen wie deine Spieler ticken, um sie führen zu können.

Vor einigen Jahren ist es zur Trennung von Patricia Mayr-Achleitner gekommen. Trauerst du ihr noch etwas nach?
Es war alles ein wenig aufreibend, aber es ging nicht anders. Ich denke, dass Patricia und ihr Umfeld es nicht verstanden haben und immer noch nicht versteht, worum es eigentlich geht. Doch im Nachhinein bin ich froh, dass ich den Schritt gemacht habe, weil es sicherlich für alle das Beste war. Ich habe mit ihr über viele Jahre gearbeitet, und es gab uns allen auch die Möglichkeit, uns anders zu orientieren.

Wie siehst du die Entwicklung von Mayr-Achleitner und Meusburger?
Patricia war zum Zeitpunkt unserer Trennung 70. in der Weltrangliste und Meusi 60. Meusi hat aber eine Verletzung gehabt und hat jetzt zu kämpfen. Sie ist aber eine Kämpferin und kann es wieder unter die Top 100 schaffen. Patricia ist kurzfristig leider sogar auf Rang 190 zurückgefallen. Sie hat seit 2010 keinen Coach mehr gehabt, und das hat leider Auswirkung gezeigt. Jetzt hat sie wieder einen jungen engagierten Coach in Tirol (Daniel Huber; Anm.), und ich sehe die ersten Anzeichen für einen Trendwende. Patricia müsste längst in den Top 50 sein. Sie muss aber das Notwendige tun, damit sie dort auch hinkommt. Sie muss Neues lernen und Altbewehrtes mitnehmen. Patricia braucht viel Knowhow jeden Tag, und das hat ihr in den letzten drei Jahren leider gefehlt.

Was sagst du zu Patricias Aussage, dass sie während ihrer Zeit in Seefeld kaum von dir persönlich betreut wurde?
In der Tat ist es merkwürdig, da ich 16 Jahre mit ihr gearbeitet habe und sie nach unserer ersten Trennung - mit 16 Jahren – mit 18, 19 Jahren aus Versenkung geholt habe. Sie hatte damals kaum Punkte und war drei Jahre später Top 100. Ich denke, es geht nicht von Patricia aus, sondern mehr von ihrem Umfeld. Ich wünsche mir, dass sie sich mehr auf ihr Tennis konzentriert und in die Top 50 kommt.

Zuletzt wanderten sieben von acht möglichen „Goldmedaillen“ bei den U16- und U14-Titelkämpfen 2013 nach Tirol. Ist Teamwork euer Geheimnis in Tirol?
Ja, das ist sicherlich so. Ich habe bei ESTESS immer Coaches und Managers ausgebildet, unterstützt und zusammengefügt. Es gibt viele engagierte TrainerInnen in Tirol, die eine gute Arbeit machen. Mittlerweile hat auch keiner mehr Angst davor, dass der/die eine oder andere SpielerIn auf eine andere Academy oder den Trainer wechselt. Spielerwanderungen wird es immer geben. Ein weiterer Baustein ist das Gefühl der Eltern und der SpielerInnen, dass sie die Möglichkeit haben, dort zu trainieren, wo es ihnen gefällt. Dass die TrainerInnen und Coaches, die nicht in Seefeld aktiv sind, immer am neuesten Stand der Dinge sind, dafür sorgen u. a. drei TTV-Coachtreffen im Jahr und das neue österreichweite Ausbildungssystem von Mag. Harald Mair, bei dem Trends aufgezeigt und Meinungen ausgetauscht werden.   

Was gibt es sonst noch Neues in Tirol?
Wir werden noch heuer zwei Future-Turniere in Seefeld auf den vier Plätzen vor der WM-Tennishalle ausrichten.

Im Rahmen eines Future-Turniers in Seefeld soll 2014 angeblich auch ein Legenden-Turnier mit ehemaligen Tennis- und Sportgrößen auf die Beine gestellt werden.  Wie schauen die Pläne konkret aus?
Einer der ganz Großen des Tennissports, nämlich Mats Wilander, kommt schon Ende dieses Jahres zu einer Coachfortbildung ins Camp nach Seefeld, bei dem auch die ehemalige Mental- und Fitness-Betreuerin von Rafter und Cash, Dr. Ann Quinn, mit dabei sein wird. Ich arbeite viel mit Mats in unserem Coachverein PTCA (Professional Tennis Coach Association; Anm.), in dem die besten Coaches der Welt dabei sind, unter anderem auch Günter Bresnik und Ronnie Leitgeb.

Du sitzt seit kurzem auch als Mitglied in der ÖTV-Spitzensportkommission. Was ist dort deine Aufgabe?
Ein Thema für die Zukunft wird sein: Kontrolle und unterstützende Trainingshilfe! Ich habe u. a. die Aufgabe, Tirols Talente besonders unter die Lupe zu nehmen, sie quasi einem Härtetest bei diversen Trainingseinheiten zu unterziehen. Damit bietet sich den Hoffnungsträgern die Chance, unter verschärften Bedingungen zu trainieren und mit anderen Talenten in Kontakt zu kommen.

Du hast einmal die Devise erwähnt: "Wenn wir alle gut arbeiten, müssen wir viele gute Trainer haben." Kannst du das erklären?
Es ist ganz einfach! Wenn wir alles dafür tun, neue SpitzenspielerInnen aufzubauen müssen wir als Touring Coaches in der Welt unterwegs sein, und brauchen deshalb erfahrene TrainerInnen zu Hause. Es geht nicht zu glauben, dass ein einziger Coach 20 SpielerInnen trainieren soll. Wenn wir 100 gute SpielerInnen wollen, dann brauchen wir mindestens 70 erfolgsorientierte und engagierte TrainerInnen und Coaches. Die gibt es derzeit noch nicht in Österreich, daher ist es wichtig, dass wir im Spitzensportgremium auch ein Coaching für Coaches anbieten. Bei ESTESS habe ich es seit 27 Jahren gemacht und ich denke, dass das die einzige Möglichkeit ist, Beständigkeit zu erhalten.

Mit welchen SpielernInnen arbeitest du aktuell zusammen?
Ich bin viel mit dem kroatischen Daviscupper Antonio Veic, dem bosnischen Daviscupper Tomo Brkic und Bastian Trinker unterwegs und arbeite auch mit jungen Nachwuchsprofis, die stark im Kommen sind. Einige Österreicher und einige Ausländer.

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