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"Lucas' Marschrichtung? Futures!"

Miedler- und Südstadt-Trainer Andreas Fasching (li.) im Interview über die neue Aufbruchstimmung im ÖTV-Leistungszentrum Südstadt, seinen Plan, einen internen Konkurrenzkampf "anzuzündeln" und weshalb sein Schützling im Duell mit toughen Gegnern öfter sagen sollte: "Okay, ich warte jetzt nicht darauf, dass du mir etwas gibst, sondern ich hole es mir!"


Wie groß ist bei dir die Genugtuung, dass dein Schützling, den du ja erst seit Herbst 2013 betreust, bereits nach so kurzer Zeit sein erstes Grand Slam-Turnier gewinnen konnte?
Logisch, dass ich mich darüber sehr gefreut habe. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass ich mit Lucas einen Spieler übernehmen durfte, bei dem schon von seinem vorherigen Trainer Norbert Richter eine sehr gute Basis gelegt worden ist. Ich habe also einen sehr gut ausgebildeten Spieler bekommen, den wir jetzt auf seinem weiteren Weg in Richtung Herrentennis so gut wie möglich unterstützen werden, indem wir ihm ein professionelles Umfeld schaffen. Dass derartige Erfolge einen ziemlich großen Motivationsschub für die nächsten Aufgaben bringen, steht aber außer Frage.

Warum konntest du ausgerechnet den größten Erfolg deines Schützlings nicht persönlich vor Ort mitverfolgen?
Lucas ist während der Australian Open von Clemens Trimmel betreut worden, der ohnehin vor Ort war, weil er in seiner Funktion als Davis Cup- und Fed Cup-Captain die Gelegenheit nutzen wollte, sich mögliche GegnerInnen life anzuschauen. Und ich war in der letzten Turnierwoche mit unseren u12-Talenten Lukas Neumayer, Lukas Rohseano und Tobias Smoliner beim Wintercup in der Tschechei.

Wie geht es für das Team Miedler und Fasching in den nächsten Tagen und Wochen weiter?

Wir werden wir uns in den nächsten Tagen einmal zusammensetzen und gemeinsam einen Turnierplan, zu dem es schon einige konkrete Ideen gibt, für Lucas erarbeiten.

Mit welchen Schwerpunkten?
Wir werden heuer sämtliche Future-Turniere in Österreich spielen. Im März werden wir höchstwahrscheinlich nach Kroatien oder Ägypten fliegen, um dort Future-Turniere zu spielen. Das nächste, was dann passieren wird: Wir wollen Lucas unbedingt die Möglichkeit geben, an den Grand Slam Turnieren - sprich French Open und Wimbledon - und am einen oder anderen ITF-Vorbereitungsturnier teilzunehmen. Die Marschrichtung ist in diesem Jahr komplett darauf ausgelegt, dass er den Sprung auf die Future-Turnierebene schafft.

Was müsste passieren, damit du mit dem Projekt "Miedler & Future" zufrieden bilanzieren würdest?
Wenn und Lucas und Sebastian Ofner am Ende des Jahres fünf oder zehn ATP-Punkte eingesammelt haben, dann hätten wir uns für 2015 eine sehr gute Basis geschaffen.

Miedler_Training

Ein Erfolgsgeheimnis ist, dass talentierte Nachwuchsspieler auch im Training von gleichaltrigen Gegnern gefordert werden. Wie schafft man als Trainer eine derartige Basis?
Auf der einen Seite gibt es schon derzeit in der Südstadt einige sehr gute Trainingsparnter. Auf der anderen Seite wird ein Bestreben von mir in den nächsten Monaten sein, die besten Spieler der Jahrgänge 1996 und 1997 in der Südstadt zu versammeln, um unter ihnen einen internen Konkurrenzkampf anzufachen. Wenn Erfolg "produziert" werden soll, dann kann es nur so funktionieren, indem man eine Dreier- oder Vierergruppe an Spielern auf ungefähr gleichem Niveau aufbaut.

Täuscht der Eindruck oder ist im ÖTV-Leistungszentrum Südstadt tatsächlich so etwas wie eine neue Aufbruchstimmung zu spüren?
Dieser Eindruck täuscht nicht. Faktum ist, dass sich der ÖTV im Rahmen des neuen Sportkonzepts verstärkt um seine Schützlinge in der Südstadt kümmert. Sie werden bei Turnieren betreut, werden zusätzlich zum normalen täglichen Training am Court von einem eigenen Kondi-Trainer begleitet und gefordert. Dazu kommt mentales Training und noch vieles mehr. Junge Talente, die den großen Wunsch haben, später einmal als Tennisprofi aktiv zu sein, sind in der Südstadt auf jeden Fall sehr gut aufgehoben. Was die Infrastruktur in der Südstadt anbelangt, gibt es fast alles: Die Spieler haben eine Infrarotkabine, sie haben eine Sauna, ein Kalt- und ein Warmwasserbecken. Sie haben sehr gut ausgebildete Physiotherapeuten, super Internatsplätze und eine gute Küche. Was konkret der Lucas an "Goodies" hat: Er hat mit mir einen eigenen Touringcoach, mit Florian Pernhaupt (Bild oben) einen eigenen Konditionstrainer. Wir kümmern uns in Absprache mit Clemens Trimmel und Florian um Trainings- und Turnierpläne.

Was bei Lucas, zumindest am Papier, auffällt, ist, dass er in den letzten Monaten internationale Erfolge vor allem im Doppel gefeiert hat. Gibt es dafür eine logische Erklärung?
Bei einem 17-Jährigen würde ich auf keinem Fall sagen, dass er seine Karriere ausschließlich auf's Doppel aufbauen sollte. Im Juniorenbereich ist das Doppel eine Geschichte, die einfach nebenher "mitgeht". Man darf auch nicht vergessen, dass Lucas z. B. in Traralgon bei einem ähnlich stark besetzten Turnier wie bei den Australian Open gespielt hat, dort im Einzel ins Semifinale gekommen ist und sich erst dem Weltranglisten-Ersten Alexander Zverev geschlagen geben musste. Er ist 2013 bei der Orange Bowl gegen einen Vize-Europameister 6:1, 5:3 in Führung gelegen. Hätte er das nach Hause gespielt, wäre er im Viertelfinale gestanden und dann wären die Türen für ihn weit offen gestanden. Das Gleiche war bei den Eddie Herr International Junior Championships. Dort hat er im Achtelfinale gegen einen Amerikaner gespielt, der an diesem Tag einfach sehr schwer zu schlagen war. Laut Clemens, der Lucas während der Australian Open betreut hat, gibt es im Single sicherlich noch das eine oder andere kleine Defizit. Er hat diesmal aber wieder gegen einen sehr starken Gegner verloren.

Müssen Niederlagen notwendiger Bestandteil einer Karriere sein?
Niederlagen gehören - auch wenn sie weh tun - nun einmal dazu. Gleichgültig, ob es sich dabei um Niederlagen im Junioren- oder im Erwachsenenbereich handelt. Erst im Nachhinein wird den Spielern bewusst, dass sie oft aus Niederlagen das meiste für ihre weitere Karriere gelernt haben. Im Junioren-Tennis ist es nun einmal so, dass die Jungs noch nicht so gefestigt und so reif sind, dass sie Woche für Woche konstant eine achtzig- bis neunzigprozentige Leistung abrufen können. Deshalb sind in diesem Alter die Ups und Downs noch etwas größer.

Miedler_AO 
Was steht bei Lucas noch alles auf seiner "To do"-Liste?
Den größten Platz zur Entwicklung sehe ich beim Lucas in seinem Spiel. Und zwar in einem Spiel, wo er nicht nur versucht, die Gegner auszukontern oder nur mit toughen Grundlinien-Rallies zu gewinnen. Sondern dass er sich wirklich ein Herz nimmt und seine Schläge, die er in jedem Training zeigt, auch im Match umsetzt. Damit meine ich vor allem seinen wirklich guten ersten Aufschlag, seine druckvolle Vorhand und seinen Zug zum Netz. Lucas hat den großen Vorteil, dass er auf einer sehr guten Athletik aufbauen kann: Er ist schnell, wendig, ausdauernd und kräftig. Was die Athletik betrifft, hat er wirklich alles! Er nutzt diese Athletik aber zu sehr im defensiven Bereich. Er müsste viel offensiver spielen!

Wie kann man ihm eine derartige Spielweise "implantieren"?
Man muss an seine Psyche appellieren, da er ein Spieler ist, der eher wenig riskiert und sehr gut kalkuliert. Mir wäre es lieber, wenn er im einen oder anderen Match viel riskieren und wenig kalkulieren würde und wirklich das Heft in die Hand nimmt. Auffallend war z. B. im Match gegen Roman Safiullin bei der Orange Bowl 2013, dass er Herr der Lage war, obwohl er eigentlich nix Großartiges gespielt hatte. Dann holt sein Gegner auf, sodass die beiden dann auf einmal auf Augenhöhe waren. Und auf einmal hat Lucas nur mehr gewartet, was passiert. In dieser Situation wäre es mir viel lieber gewesen, wenn er gesagt hätte: "Okay, ich warte jetzt nicht darauf, dass du mir etwas gibst, sondern ich hole es mir!" Daran werden wir gemeinsam arbeiten, denn dort geht die Reise hin! Denn dort, wo er hin will, wird er so gut wie immer toughe Matches haben. Er wird gegen Gegner spielen, die spielerisch, wettkampftechnisch, physisch und psychisch genauso gut ausgebildet sein werden wie er. Das bedeutet, dass er individuelle Stärken unbedingt entwickeln muss. Sein großer Trumpf ist die Physis. Auf der muss er aufbauen.

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