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ATP

"Jetzt bin ich mein eigener Boss"

Aufgrund einer langwierigen Bauchmuskelverletzung hatte Martin Fischer 2012 die Saison vorzeitig beenden müssen. Jetzt startet der 26-jährige Vorarlberger neu durch und setzt sich nach der Trennung von Trainer Joachim Kretz neue, alte Ziele: "Mein Ziel war immer, die Top 100 zu knacken, und das wird auch weiterhin so sein." Und auch der Davis Cup ist für ihn wieder ein Thema: "Ich spiele jetzt ganz einfach meine Saison, und wenn es im September soweit sein sollte, dann bin ich sehr gerne bereit."


 
Täuscht der Eindruck, dass es dir derzeit so gut wie schon lange nicht mehr geht?
Nein, das ist definitiv so! Es war aber ein langer Prozess, bis es soweit war.

Zwei Turniersiege 2013 - in der Vorwoche der Doppelbewerb beim Challenger in Rom und im März das Future-Turnier in Taverne. Dann auch noch ein Semifinale beim Challenger in Saint Brieuc, ein Viertelfinale in Rom. War das
auch für dich nach der letzten Saison, die während der Erste Bank Open in der ersten Doppel-Runde mit einer mysteriösen Verletzung frühzeitig zu Ende gegangen ist, ein eher unerwarteter Höhenflug?
In gewisser Weise ja, aber dann auch wieder nicht. Nach dem guten Jahr 2010 sind danach zwei mehr oder weniger schlechte gefolgt, was in den Medien schon oft thematisiert worden war. In dieser Phase ist auch für mich die Frage aufgekommen, ob es überhaupt noch einen Wert für mich hat, weiterzumachen. Oder ob ich nicht lieber etwas komplett anderes machen sollte. Ich habe mich aber entschieden, es noch einmal voll zu probieren.

Hast du mittlerweile herausgefunden, welche Verletzung du dir 2012 in der Stadthalle zugezogen hattest?
Die Physiotherapeuten haben sich allesamt schwer getan, eine Diagnose zu erstellen. Deren Meinungen sind stark auseinander gegangen. Im Nachhinein betrachtet dürfte es aber ein seitlicher Bauchmuskelriss gewesen sein, da ich sogar beim Nießen oder beim normalen Laufen Schmerzen gehabt habe. An Sport war daher überhaupt nicht mehr zu denken. So richtig wollte ich es aber dann doch nicht glauben und hab's immer wieder probiert. Mir ist aber dann schon bald klar geworden, dass ich die Saison beenden muss. Nicht wirklich ein idealer Ausklang für eine ohnehin nicht gerade großartige Saison.

Wie war es für dich, nach einer dreimonatigen Pause Mitte Jänner in Glasgow wieder auf die Tour zurückzukehren?
Ich habe mich zwar sehr gut vorbereitet, es war aber doch ein komisches Gefühl, nach einer so langen Pause wieder am Platz zu stehen. Da Australien heuer noch kein Thema für mich war, habe ich genug Zeit gehabt, mich um meine Fitness zu kümmern. Nach drei Monaten ohne Match merkt man diese pause aber schon extrem, weil die Abläufe nicht mehr so automatisiert wie gewohnt sind. Ich habe mir dann auch viel zu oft Gedanken darüber gemacht: Was mache ich in den engen Situationen? Die oft zitierte Matchpraxis hat mir einfach gefehlt! Dadurch habe ich aber auch gewusst, dass ich dran bleiben muss - je mehr Matche ich spiele, umso rascher kommt auch die Sicherheit wieder. Das hat sich in den letzten Wochen Gott sei Dank bestätigt.

Auf der Tour bist du derzeit alleine unterwegs, hast dich von deinem Trainer Joachim Kretz getrennt. Warum?
Ich habe insgesamt drei Jahre lang mit ihm trainiert. Eines davon war sehr erfolgreich. Trotzdem sind auf einmal überall Differenzen entstanden, weil er ganz einfach die Person war, die ich - über's ganze Jahr betrachtet - am meisten gesehen habe. Und vielleicht auch deshalb, weil ich mich als Person weiterentwickelt habe. Deshalb hab ich mir gesagt: Ich werde heuer schon 27 Jahre alt. Deshalb will ich etwas komplett Neues versuchen und den Weg ohne ihn weiterführen. Ohne aber in großem Streit auseinander zu gehen!

Fischer

Suchst du einen neuen Trainer?
Auf der Suche bin ich nicht wirklich. Auch deshalb, weil es kostenmäßig nicht wirklich einfach ist. Die Erfolge, die ich unlängst gerade gehabt habe, schauen von außen zwar ganz gut aus. Wenn man sich dann aber das Preisgeld anschaut, dann macht man damit keine allzugroßen Sprünge. Außerdem ist es so, dass ich immer noch dabei bin, meinen persönlichen Weg für mich zu suchen. Zu Trainern, die diesen Weg mit dir gehen, müsste die Vertrauensbasis daher zu hundert Prozent stimmen. Da jetzt jemanden zu finden, der in dieses System hineinpasst, ist nicht wirklich einfach. Das soll aber nicht partout heißen, dass ich keinen Trainer mehr will. In meiner jetzigen Situation habe ich aber das Gefühl, dass es nicht wirklich viele Trainer geben würde, die mir jetzt helfen könnten.

In der Woche vor dem Challenger in Rom warst du bei Bob Brett in seiner Akademie in San Remo. Könnte daraus eine längerfristige Zusammenarbeit werden?
Das war bis jetzt eine einmalige Geschichte, da ich unmittelbar nach Saint Brieuc (Hardcourt, Halle; Anm.) nicht direkt auf Sand gehen wollte. Somit hat es sich für mich ideal ergeben, dass ich mich im Freien auf die Sandsaison vorbereiten konnte. Als Bindeglied zwischen Halle und Freiluft war dieses Training perfekt. Es wird aber sicherlich keine längerfristige Geschichte werden.

Als Vorbereitung auf 2013 hast du viel an deiner Fitness gearbeitet, Anfang Jänner hast du bei deinem Freund Andreas Beck in Stuttgart eine intensive Sparringwoche eingelegt. Könnte es dieses "Doppel" heuer öfters geben?
Andi Beck kommt ursprünglich aus Ravensburg, ist also nur eine halbe Stunde von mir entfernt. Wir sind des öfteren in Kontakt. Es wird also immer dazu kommen, dass wir uns zusammenschließen, um gemeinsam das eine oder andere Training zu absolvieren.

Wenn man sein Umfeld umbaut, definiert man normalerweise auch neue Ziele. Wie sehen diese bei dir aus?
Der Grundgedanke von mir war: Die letzten zwei Jahre sind nicht so gelaufen wie ich es mir vorgestellt habe. Deshalb will ich nach meiner Karriere sagen können: Ich habe alles versucht! Was dann am Ende herauskommt - darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ende letzten Jahres wäre ein derartiger Versuch aufgrund meiner Verletzung nicht möglich gewesen. Mein Ziel war immer, die Top 100 zu knacken, und das wird auch weiterhin so sein. Ob es auf dem jetzigen Weg (ohne Trainer; Anm.) funktioniert oder vielleicht doch nicht, das wird sich weisen.

Fischer_Facebook

Matchpraxis kann man nur auf Turnieren sammeln. Zu Beginn der Saison sind deshalb auch immer wieder Future-Turniere am Programm gestanden. War es ein Problem für dich, derart "kleine Brötchen" backen zu müssen?
Bei den letzten beiden Challenger-Turnieren habe ich jetzt schon gesehen, dass mein Niveau wieder gut genug ist für Turniere auf einem derartigen Level. Die Anzahl der Challenger-Turniere ist im Kalender aber leider nicht größer geworden. Deshalb kann es immer wieder sein, dass ich auf Future ausweichen muss. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es Zeiten gegeben hat, wo ich gesagt habe: Ich will auf die Future-Ebene nicht mehr zurück. Mittlerweile habe ich erkannt, dass Future-Turniere als "Starthilfe" durchaus ihre Berechtigung haben - sei es zu Beginn der Saison oder um dem eigenen Selbstvertrauen wieder einen Schub nach vorne zu geben. Ich wollte aber nach der Trennung von Joachim unbedingt neue Wege gehen, und das bedeutet für mich, dass ich mich z. B. davon lösen konnte, nur mehr Challenger-Turniere spielen zu müssen. Jetzt bin ich mein eigener Boss und gebe mir selber Tag für Tag Anweisungen oder mache die Trainingspläne. Dadurch hat man wesentlich mehr Verantwortung, die dir auch als Person automatisch mehr Sicherheit gibt. Auch am Platz bin ich immer alleine und muss meine eigenen Entscheidungen treffen. Da ich das jetzt auch außerhalb meines eigentlichen "Arbeitsplatzes" mache, geht das alles Hand in Hand.

Du hast schon einmal an die Top 100 angeklopft (ATP 117, 11.10.2010; Anm.). Der endgültige Durchbruch wollte danach aber einfach nicht gelingen. Du hast einmal gesagt, dass einer der Gründe für die Stagnation in der Weltrangliste das Rampenlicht gewesen war, in das du nach dem Davis Cup-Sieg gegen Israel (Weltgruppen-Playoff 2010) gerückt worden bist. Du warst damals 24 Jahre alt. War’s tatsächlich so schwer, damit umzugehen?
Diese Frage habe ich mir immer wieder gestellt, und ich möchte keine einzige Sekunde dieses Davis Cups, den ich in Israel erlebt habe, missen. Es war aber so, dass ich zu diesem Zeitpunkt in der Weltrangliste um 130, 140 gestanden bin, was aber von der breiten Öffentlichkeit nicht wirklich wahrgenommen oder akzeptiert wird. Man müsste bei einem Challenger schon drei, vier Runden im Hauptbewerb gewinnen und dabei auch noch große Namen schlagen, um ins Medieninteresse zu rücken. Beim Davis Cup war es dann so, dass mir eigentlich niemand diesen Sieg (gegen Harel Levy; Anm.) zugetraut hätte. Vor dem Match hat Jürgen dann aber gesagt: "Wenn er dieses Match gewinnt, kann er ein ganz Großer werden." Bis dahin hatte ich mir über solche Sachen niemals Gedanken gemacht, sondern hab frei von der Leber weg gespielt und bin im Schatten des Medieninteresses in meiner Karriere "dahingeschlichen". Und dann war ich auf einmal mitten im Rampenlicht! Dafür war damals meine Persönlichkeit aber einfach noch nicht weit genug. Dass ich da ganz einfach hingehe und sage: Alles andere als ein Sieg über Levy und danach die Top 100 wären für mich eine Riesenüberraschung! Statt dessen habe ich mir zuviel Druck gemacht und konnte mit all dem nicht wirklich gut umgehen. Alles in allem hat das alles aber seine Richtigkeit für mich gehabt. Ohne diese Erlebnisse wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.

Ein Sportlerleben ist natürlich kein Wunschkonzert, aber steht der Davis Cup als Thema für dich noch immer im Raum?
Der Davis Cup ist im Prinzip eine sehr faire Veranstaltung, da nur die Besten der Besten einberufen werden. Und wenn ich zu diesen Besten gehöre, dann bedeutet das, dass ich davor etwas richtig gemacht haben muss. Der Davis Cup ist aber nichts, auf das ich jetzt speziell hinarbeiten würde: Es würde mir nichts bringen, wenn ich als Nummer 350 dabei wäre, bloß weil alle anderen schlechter wären. Eine solche Situation wäre mir viel lieber: Ich stehe am Ende des Jahres auf Platz 150 und bin nicht dabei, weil das bedeuten würde, dass es vor mir noch ein paar andere Spieler gibt, die besser sind. Was ich jetzt mache, ist: Ich spiele jetzt ganz einfach meine Saison, und wenn es dann im September soweit sein sollte, dass ich ein Thema sein sollte, dann bin ich sehr gerne bereit.



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