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Davis Cup

INTERVIEW MIT GILBERT SCHALLER: "ICH BIN FROH ÜBER DIE KRITIK AN MEINER PERSON ..."

..., denn dadurch bin jetzt noch motivierter und habe noch mehr Spaß an meiner Arbeit." ÖTV-Sportdirektor und Davis Cup-Captain Gilbert Schaller (Bild) über seinen Wunschgegner bei der Auslosung, die Auswirkungen der Feier vor zwei Tagen und das Team, mit dem er 2011 das Projekt "Weltgruppe" starten will.

"Fans mit Tränen in den Augen"
(21.9.2010)

Zwei Tage nach dem 3:2 in Tel Aviv, eine Nacht nach eurer ausgelassenen Feier - wie geht's dir?
Heute schon wieder gut. Gestern allerdings hab ich überhaupt keine Stimme mehr gehabt. Wir haben die ganze Nacht durchgefeiert und nicht geschlafen, dann ist es zeitig in der Früh zum Flughafen gegangen. Zu Mittag hab ich mich gestern eine Stunde niedergelegt, bevor's am Nachmittag dann wieder in die Südstadt gegangen ist. Ich muss aber zugeben, es war auch gestern noch sehr schwer zu schlafen. Ich glaube nicht, dass jemand der live in Tel Aviv dabei war, diese ganzen Eindrücke so rasch ausschalten und wieder zum "normalen" Leben zurückkehren kann. Wir waren alle extrem aufgewühlt, und das Gefühl gemeinsam zu teilen und auszuleben, was wir alle geschafft haben, war einfach nur schön.

Wie voll war danach deine Mailbox?
Ich hab, glaub ich, an die 40 SMS bekommen, Peter (Teuschl; Anm.) sogar über 60. Ich habe auch von Fans gehört, die nach Fischers Sieg sogar Tränen in den Augen gehabt haben. Dass die Fans so mitgehen, das ist haargenau das, was den Davis Cup ausmacht. Das ist aber auch das, was diesen speziellen und unverwechselbaren Druck im Davis Cup ausmacht, weil hier die Leute so mitfiebern. Es ist wahnsinnig schön, dass es im Tennissport derartige Gefühle gibt.

Hat es auch Glückwünsche von Personen gegeben, die dich überrascht haben, weil sie dich und deine Entscheidung für Fischer und gegen Peya davor kritisiert hatten?
Nein.

Morgen um 12:30 Uhr ist die Auslosung für die Weltgruppe 2011. Gibt es einen Wunschgegner?
Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann würde ich gerne - auch wenn es auswärts wäre - gegen Kroatien spielen. Jürgen hat sowohl gegen Marin Cilic als auch gegen Ivan Ljubicic eine sehr gute Bilanz. Wir haben auch ein Doppel, das gegen die Kroaten durchaus einen Punkt holen könnte. Wenn man sich die Gegner in der Weltgruppe ansieht, dann wäre aber grundsätzlich jeder ein sehr harter Brocken. Da bedarf es schon einer sehr guten Leistung gegen jeden, um nicht zu verlieren. Aber gut, vielleicht ist da noch einiges möglich. Wie man gesehen hat, hat Österreich doch einige Spieler aufzubieten.

Im Vorjahr hat es Israel mit der gleichen Mannschaft wie jetzt gegen Österreich bis ins Semifinale geschafft. Die Rechnung, zu sagen, Österreich hätte Semifinal-Potential, wäre jetzt wohl zu einfach. Oder?
Das wäre zu billig, weil dafür doch viele Faktoren zusammenspielen müssten. Es waren im Davis Cup aber immer Überraschungen möglich. Warten wir jetzt einmal die Auslosung ab und lenken unsere Aufmerksamkeit erst dann auf die mittelfristige Zukunft unseres Teams.

Wenn du einer Person, die null Ahnung vom Tennis hat, Österreichs aktuelles Davis Cup-Team beschreiben müsstest, was würdest du sagen?

Jürgen Melzer ist ein Spieler, der ...
... alles kann und in den letzten Monaten gelernt hat, seine Stärken auch im richtigen Moment einzusetzen.

Martin Fischer ist ein Spieler, der ...
... auf den ersten Blick gerne unterschätzt wird, aber ein riesiges Potential hat, das in ihm schlummert und das er, wie wir gesehen haben, im richtigen Moment abrufen kann.

Alexander Peya ist ein Spieler, der ...
... jahrelang im österreichischen Tennis eine sehr wichtige Rolle gespielt hat, im Davis Cup sehr wichtige Matches für uns entschieden hat und auch nach wie vor für unser Team ein sehr wichtiger Baustein ist.

Andreas Haider-Maurer ist ein Spieler, der ...
... mit seinem Aufschlag und seiner Vorhand über ausgezeichnete Waffen verfügt, der aber vielleicht noch etwas Zeit braucht, um diese Waffen auch in den richtigen Situationen einzusetzen. Definitiv aber auch ein Spieler für die Zukunft.

Julian Knowle ist ein Spieler, der ...
... sicherlich das oberste Ziel "Olympia 2012" hat und gerne auch mit dem österreichischen Team in der Weltgruppe weiterkommen würde.

Hat in Tel Aviv eigentlich aufgrund des Davis Cup-Karriereendes von Stefan Koubek ein erzwungener Generationenwechsel stattgefunden?
Früher oder später war es klar, dass das passieren würde. Gegen Israel hätte ich möglicherweise aber noch einmal gerne auf seine Erfahrung zurückgegriffen. Für Fischer und Haider-Maurer war sein Karriereende möglicherweise aber eine glückliche Fügung, die damit früher als erwartet zu ihrem Debüt gekommen sind.

Ist Martin Fischer jetzt deine Nummer 2 im Team?
Er hat mit seiner Leistung in Tel Aviv auf jeden Fall sehr stark untermauert, dass er jemand ist, der unter sehr starkem Druck seine Leistung abrufen kann. Und das ist auf jeden Fall etwas, das man als Captain immer im Hinterkopf hat.

Welche Spieler gehören für dich zum erweiterten Kader? Marach? Oswald? Köllerer?
Sagen wir einmal so: Für mich ist ein Spieler dann ein Thema, wenn er bei einem Grand Slam-Turnier mehrere Best-of-five-Matches gespielt hat. Weil dann weiß er, was es überhaupt heißt, fünf Sätze vor großem Publikum zu "überleben".

Was muss passieren, damit Österreich im Davis Cup nicht zu einer Jo-Jo-Mannschaft wird - ein Jahr oben, das nächste wieder unten?
Das erste, was passieren muss, ist, dass wir in der Weltgruppe eine solche Leistung abrufen, dass wir als Team in der Weltgruppe gesetzt sind. Dann bekommen wir in der ersten Runde nicht gleich solche Kracher wie Spanien, Serbien oder Frankreich am Servierteller präsentiert. Dafür braucht man aber auch einen Spieler wie Jürgen Melzer, der für zwei Punkte sorgen kann, ein gutes Doppel und natürlich auch einen zweiten Spieler, der das Potential hat, gegen Weltgruppen-Spieler Punkte zu holen.

Mit Andreas Haider-Maurer und Martin Fischer hast du in einem wichtigen Davis Cup-Duell gleich zwei Debütanten eingesetzt. Bist du in deinem Leben schon jemals zuvor ein derart großes Risiko eingegangen?
Ich habe in den letzten Tagen mit sehr vielen Leuten gesprochen, die alle gesagt haben, dass sie den Hut vor mir und meiner Entscheidung ziehen. Da hab ich mir überlegt: Wie definiere ich für mich eigentlich "Risiko"? Die Antwort, die ich für mich gefunden habe, ist: Ich sehe meine Rolle als Kapitän so, dass ich eine ganze Woche vor Ort bin und sämtliche Spieler sehr gut kenne. Fischer war von 2004 bis 2009 in der Südstadt, Haider-Maurer von 2003 bis 2008. Ich bin mit ihnen oft auf Turniere gefahren. Daher kann ich dann, wenn es um die Mannschaftsaufstellung geht, glaube ich zumindest, am besten beurteilen, was die beste Entscheidung ist. Risiko kann man vielleicht so definieren, was die meisten jetzt sagen: Wenn das (Fischer am dritten Tag als Nummer 2; Anm.) ins Auge gegangen wäre, dann wäre ich als Kapitän vielleicht abgesetzt worden. Ich bin eigentlich froh darüber, welche Erfahrungen ich in den letzten Monaten mit der Kritik an meiner Person machen durfte, die eigentlich fast ständig in meine Richtung geschossen wurde: Ich weiß, ich habe die Unterstützung vom Verband und auch die Unterstützung der Spieler, was meine Rolle als Davis Cup-Captain betrifft. Wenn ich aus einer bestimmten Richtung immer wieder kritisiert werde, ja mein Gott, dann soll das halt so sein! Solange ich das Gefühl habe, dass ich von jenen Menschen, auf die es wirklich ankommt, das Vertrauen und den Rückhalt habe, dann ist meine Welt für mich absolut in Ordnung.

Sportler haben oft einen Mentalcoach, um mit dem Druck, der von außen auf sie einwirkt, fertig zu werden. Welche Ventile hast du?
Ich habe das alles schon einmal, nämlich als aktiver Spieler, erlebt. Auch damals hat es von vielen Seiten die Meinung gegeben, dass aus dem Schaller nie etwas werden würde und dass er in der Weltrangliste wohl kaum sehr weit nach vorne kommen würde. Ich habe damals innen drinnen trotzdem die Kraft gefunden, um zu sagen: Diese negative Kritik ist für mich ein weiterer Schub, um meine Ziele noch intensiver zu verfolgen. Jetzt bin ich in einer ähnlichen Situation. Jetzt, wo immer wieder Gegenwind in meine Richtung geblasen wird, bin ich vielleicht noch motivierter als vor drei, vier Jahren. Das Schöne ist, dass ich damals als Spieler derartige Hürden überwinden konnte und das auch jetzt in meiner täglichen Arbeit möglich ist. Es wird immer wieder gerne vergessen, dass wir jetzt zwei ehemalige Südstadt-Spieler im aktuellen Davis Cup-Team hatten, und einer davon hat uns in die Weltgruppe zurückgebracht. Das lässt sich nicht wegleugnen. Wir haben auch jetzt gute Spieler in der Südstadt, die sehr viel Potential haben: Da passiert schon was! Da wird schon was nachkommen! Natürlich werden diese Spieler nicht mit 17 oder 18 Top 100 sein. Aber gut Ding braucht nun einmal Weile. Wir sind jetzt in Tel Aviv einmal zusammengesessen und Jürgen hat auf seinem I-Pod nachgeschaut, wie viele 17-, 18- oder 19-Jährige unter den besten 100 sind. Da haben wir gesehen, dass es nur wenige Spieler unter 20 gibt, die es in diesem Alter bereits so weit nach vorne geschafft haben. Man sollte daher auch in Österreich schön langsam umdenken und 23- oder 24-jährige Spieler, die derzeit "nur" Top 150 sind, abschreiben. Auch ich habe damals meinen Weg gemacht, und das gleiche wird auch Martin Fischer gelingen. Davon bin ich fest überzeugt.

Tennisspieler werden von Journalisten oft nach ihren Vorbildern gefragt. Gibt es für dich auch als Trainer jemanden, an dessen Einstellung zum Leben oder zum Job du dich orientierst?
Es gibt viele Persönlichkeiten, deren Lebensweg ich sehr beeindruckend finde. Aber ein Vorbild im eigentlichen Sinn gibt es nicht wirklich. Was ich mache: Ich lese sehr viel. Keine Krimis, sondern in erster Linie Biografien oder Bücher, bei denen es im erweiterten Sinn um's Leben geht. Jetzt z. B. lese ich gerade das Buch "Flow"- Das Geheimnis des Glücks", geschrieben von einem russischen Autor namens Mihaly Csikszentmihalyi. Darin geht es darum, wie man sich in den inneren Zustand der Zufriedenheit bringt und wie man sein persönliches Glück im Leben findet. Das ist etwas, das man auch im Sport perfekt umsetzen kann. Solche Bücher verschlinge ich. Ich habe mittlerweile auch das Selbstvertrauen, um zu sagen, dass ich mich zu den erfolgreichen und zufriedenen Menschen zähle.

"Zufriedenheit" und "Erfolg" sind gute Stichworte: Als einer von bisher neunzehn ehemaligen Davis Cup- bzw. Fed Cup-SpielerInnen unterstützt auch du die vor kurzem präsentierte Initiative "Players for Players", bei der die "Ehemaligen" jungen Talenten als Mentoren zur Seite stehen. Könntest du dafür ein konkretes Beispiel geben?
Nehmen wir einmal an, ein junger Spieler aus Tirol hat Probleme bei einer Vertragsgestaltung, dann wird ihm dabei ein ehemaliger Spieler, der Anwalt geworden ist wie z. B. Georg Blumauer, unter die Arme greifen. Es geht darum, dass man die unterschiedlichsten Kräfte zusammenschließt - gleichgültig, ob man noch im Sport ist oder bereits einen anderen Berufsweg eingeschlagen hat. Da gibt es genug Querverbindungen, die in Zukunft sinnvoll genutzt werden sollen, um fürs österreichische Tennis etwas zu bewegen.

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