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INTERVIEW: GILBERT SCHALLERS SAISONBILANZ - "2010 - DAS BESTE, WAS UNS PASSIEREN KONNTE"

2010. Ein Jahr, in dem Jürgen Melzer mit herausragenden Ergebnissen an die Top Ten anklopfte. 2010. Ein Jahr, in dem im Davis Cup der Aufstieg in die Weltgruppe gelang. 2010. Ein Jahr, in dem ein neuer Boom ausgelöst wurde, "der 2011 erst so richtig zu spüren sein wird" (Gilbert Schaller).


"Tennis ist wieder ein Trendsport"
(29.12.2010)

Wenn du auf das abgelaufene Jahr zurückblickst – welche Gefühle kommen da in dir hoch?
Durch die Bank positive, da das Thema "Tennis" in diesem Jahr durch viele sehr erfreuliche Ereignisse sehr positiv besetzt war. Herausragend waren dabei logischerweise die Erfolge von Jürgen Melzer, der für das österreichische Tennis 2010 sehr viel geleistet hat. Dieser von ihm ausgelöste Boom wird erst 2011 so richtig stark zu spüren sein. Das merkt man schon jetzt sehr stark, da v. a. in den Medien über unseren Sport wesentlich öfter und intensiver berichtet wird als noch in den Jahren davor. Und auch in der Wirtschaft ist das Interesse an unserem Sport wieder verstärkt zu spüren. Ich glaube auch, dass durch all diese Ereignisse der eine oder andere Jugendliche mehr bzw. öfter zum Schläger greifen wird, da Tennis wieder zum Trendsport geworden ist. Etwas Besseres kann uns allen gar nicht passieren! 

Im Davis Cup könnte Österreich im März 2011 erstmals seit 1995 wieder einmal ins Viertelfinale der Weltgruppe vorstoßen, weil Melzer im Weltgruppen-Playoff gegen Israel seine zwei Punkte und Martin Fischer den entscheidenden Punkt zum Sieg geholt hat ...
... und das war logischerweise ein Highlight, das ich so schnell nicht vergessen werde. Derartige Glücksmomente "passieren" dir als Trainer nicht jeden Tag. Deshalb bin ich "meinen" Burschen sehr dankbar, dass ich das gemeinsam mit ihnen erleben durfte. Wir sollten aber auch nicht vergessen, was unsere Damen im Fed Cup geleistet haben. Denn bei einem derartig schwierigen Modus nur knapp am Aufstieg ins Play-off um die Rückkehr in die Weltgruppe II zu scheitern, ist eine absolute Top-Leistung. Das sollte nicht untergehen. Ich hoffe deshalb auch sehr stark, dass unserem Fed Cup-Kapitän Jürgen Waber 2011 die besten Damen zur Verfügung stehen werden und sie einen Neuangriff starten können. Damit meine ich auch Tamira Paszek, deren Ergebnisse im Herbst 2010 sehr vielversprechend waren. Ich bin mir sicher, dass sie sich wieder in jene Bereiche vorspielen wird, in denen sie bereits war.

Zurück zum Stichwort "Davis Cup": Was erwartet uns gegen Frankreich?
Ich erwarte mir eine Topleistung unserer Spieler und erhoffe mir, dass unsere Burschen eine Sensation schaffen werden. Es war verdammt schwierig, in die Weltgruppe wieder hineinzukommen. Jetzt wollen wir dort natürlich auch so lange wie möglich bleiben. Alleine aufgrund der einzigartigen Location (Flugzeughangar am Wiener Flughafen; Anm.) werden wir eine sehr gute Stimmung haben. Und sollte das gesamte Team rund um Jürgen in diesen drei Tagen gut drauf sein, dann ist diese Sensation auch durchaus möglich.

Gehen wir einmal davon aus, dass Melzer gesetzt sein wird und du dich zwischen Andreas Haider-Maurer und Martin Fischer als zweitem Einzelspieler entscheiden wirst müssen – welcher der beiden könnte den Franzosen am ehesten „weh“ tun?
Dass ist eine Frage, die ich erst in drei, vier Wochen beantworten werde können: Ich möchte die Australian Open abwarten und werde erst dann eine erste Bilanz ziehen können, wie die beiden in die neue Saison gestartet sind. Sie haben in der kurzen Winterpause im Training an neuen Sachen gearbeitet. Daher müssen wir schauen, wie es ihnen damit zu Saisonbeginn gehen wird. Die beiden haben in der jüngeren Vergangenheit auf jeden Fall bewiesen, dass sie zu herausragenden Leistungen fähig sind. 

Wie zufrieden bist du mit der Entwicklung der vom ÖTV betreuten Spieler? Fangen wir bei
Nico Reissig an.
Was sein Ranking betrifft, liegt er derzeit bei 500 (527 am 27.12.2010; Anm.). Er müsste meiner Meinung nach aber eigentlich weiter vorne sein. 2010 war eine sehr intensive Zeit für ihn, da wir an sehr vielen Sachen gearbeitet haben. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass er 2011 einen dementsprechenden Sprung im Ranking nach vorne machen wird. Er hat sich in allen Bereichen – körperlich, technisch, mental – gesteigert und arbeitet sehr professionell. Wichtig wird für ihn sein, dass er mit guten Ergebnissen in die neue Saison starten wird, damit er das für ihn so wichtige Selbstvertrauen "mitnehmen" kann. 

Tristan-Samuel Weissborn?
Sam hatte im Großen und Ganzen eine gute Saison. Leider war er seit September verletzt und hat dadurch sieben bis acht Turniere verloren, die er nicht spielen konnte. Vom Spielerischen und seiner Ranking-Entwicklung war er bis dahin sehr gut unterwegs, ist dann aber durch seine Handgelenksverletzung eingebremst worden. Wäre ihm das nicht passiert, hätte er 2010 auf jeden Fall die Top 700 geknackt. Das alles wirkt sich jetzt leider auch auf seinen Saisonaufbau aus: Sam kann erst seit Mitte Dezember voll trainieren und ist v. a. beim Aufschlag, der bei ihm ein zentrales Thema ist, gehandicapt. Da traut er sich noch nicht so richtig "drüber".

Maximilan Neuchrist?

(lächelt) Max hat heuer eine Saison gehabt, wie er sie so schnell nicht mehr erleben wird wollen. Zuerst die Matura. Dann im Sommer eine schwere Bauchmuskelzerrung, durch die er zwei Monate ausgefallen ist. Und dann auch noch der Grundwehrdienst. D. h. das heurige Jahr war für ihn eines zum Abhaken und zum Vergessen. Das Ganze hat allerdings den Vorteil, dass er sich jetzt zu hundert Prozent aufs Tennis konzentrieren kann. Er steckt derzeit voll im Aufbau und ist v. a. konditionell in ausgezeichneter Verfassung, da er während seiner Bauchmuskelzerrung mit Flo Pernhaupt (ÖTV-Konditionstrainer; Anm.) intensiv an seiner Ausdauer gearbeitet hat, die davor ein bissl seine Schwäche war. Daher gehe ich jetzt einmal davon aus, dass er im nächsten Jahr ohne Verletzungen und ohne Probleme im Ranking einiges an Boden gut machen wird. Denn dort, wo er derzeit liegt (1628 am 27.12.2010; Anm.), gehört er sicherlich nicht hin. 

Michael Eibl?
Heute in einem Jahr wird er im ITF-Ranking vermutlich so um die 100 (175 am 27.12.2010; Anm.) stehen. Wir hätten uns allerdings ein bisschen mehr erhofft. Das Ziel wäre gewesen, dass er bei den Grand Slam-Turnieren dabei sein kann. Für die Australian Open hat er dieses Ziel nicht erreicht. 2011 wird daher für ihn ein sehr wichtiges Jahr. Er wird nach wie vor versuchen, für Paris, Wimbledon und die US Open qualifiziert zu sein. Zusätzlich wird der Einstieg ins Herrentennis, d. h. also erste Future-Turniere, ein zentrales Thema für ihn sein. 

Dominic Weidinger?
Er hat ein sehr gutes Jahr "abgeliefert", hat jetzt ein ITF-Ranking von 432 (27.12.2010; Anm.), hat sich also sehr weit nach vorne gespielt und das von uns vorgegebene Ziel um einiges überboten. Was sein technisches Können betrifft, hat er eine sehr positive Entwicklung gezeigt. 2011 hoffen wir, dass er das Alles mitnimmt. Im Training ist er derzeit voll "auf Kurs". Daher bin ich mir sicher, dass er mit 17, 18 bei den Grand Slam-Turnieren voll dabei sein wird. 

Markus Ahne?
Er ist im Lauf des Jahres zu uns gekommen und hat zuletzt bei den Hartplatz-Turnieren in Amerika, u. a. mit dem Viertelfinal-Einzug bei den Eddie Herr International Junior Championships, gezeigt, dass er einiges drauf hat. Im Moment fühlt er sich in der Halle und auf Hartplatz noch wohler als auf Sand. Er ist einer, der sehr zielstrebig arbeitet und für die gesamte Gruppe sehr gut ist, weil er ein Kämpfer ist, der das, was man ihm vorgibt, solange verfolgt, bis er es erreicht hat. Für ihn gilt das Ziel, dass er sich den Grand Slam-Turnieren annähert. Er hat ein gutes ITF-Ranking (510 am 27.12.2010; Anm.) und wird – da bin ich mir sicher – spätestens mit 18 bei den Grand Slam-Turnieren dabei sein. 

Sebastian Ofner?
Er ist seit September bei uns. In Amerika ist es, was die Ergebnisse betrifft, nicht wunschgemäß verlaufen. Mit seiner Körpergröße hat er allerdings ein kleines Defizit: Im Vergleich mit anderen 14-Jährigen ist er um einiges kleiner, was sich natürlich auch in seinem Spiel bemerkbar macht. Der Wachstumsschub wird aber schon bald kommen, und er wird dann – laut Prognose – in sehr kurzer Zeit sehr stark wachsen, wodurch dann die nächsten Probleme auf uns zukommen werden. In dieser Phase werden wir im Training sehr vorsichtig sein müssen. Was ihn auszeichnet, ist, dass er technisch eine sehr gute Basis hat. Vorhand, Rückhand, Volley – da ist schon alles da, was nötig ist. Es muss nur mehr im Detail gearbeitet werden. Er ist ein Spieler, über den wir uns alle noch sehr freuen werden.

Anna-Maria Heil?      
Sie hat eine gute Saison "abgeliefert", hat ein Turnier (Marsa auf Malta/ITF 4; Anm.) gewonnen und steht jetzt im ITF-Ranking auf 266 (27.12.2010; Anm.). Nächstes Jahr steht für sie der Einstieg ins Damentennis, d. h. die ersten Future-Turniere, am Programm. Mit ihr wollen wir das Ziel "Grand Slam-Turniere" erreichen. Bei den Turnieren und beim Trainingslager in Amerika hat sie eine gute Figur gemacht. Wenn sie am Platz steht, ist sie sofort und immer sehr konzentriert bei der Sache. 

Zieht man eine Bilanz über Ereignisse bzw. Ergebnisse, die 2010 für Österreichs Tennis international richtungsweisend waren, ist
Dominic Thiem zweifellos eine der erfreulichsten "Erscheinungen". Hättest du dir eine derartige Entwicklung Dominics erwartet?
Ganz ehrlich: Nicht so ganz. Umso mehr freut es mich, dass er das alles erreicht. Vor ihm bzw. seiner Leistung muss man den Hut ziehen. Ich habe ihn in Miami gesehen, hab ihm gratuliert und alles Gute für die Orange Bowl gewünscht. Leider war er dann nicht mehr ganz fit und hat das Finale leider nicht erreicht. Er ist aber auf jeden Fall ein Spieler der Zukunft, der sich in diesem Jahr sehr stark weiterentwickelt hat. Für mich ist er nicht "bloß" am Court eine sehr positive Erscheinung, sondern auch außerhalb seines "Arbeitsplatzes" ein sehr sympathischer Bursche. Einfach ein guter Typ! Wenn ich ihn in der Südstadt arbeiten sehe, dann merkt man sofort: Er hat kapiert, worum es in diesem "Geschäft" geht und arbeitet deshalb sehr hart und gewissenhaft, um all seine Ziele zu erreichen. Und dann ist die Gleichung eigentlich eine einfache: Wenn man so arbeitet wie er, dann wird man auch belohnt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nächstes Jahr bei den Futures bzw. bei seinem Einstieg ins Herrentennis die nächsten Schritte nach vorne machen wird.

Gilt das gleiche im Damentennis auch für Barbara Haas?
Über ein Mädel wie sie bräuchte man eigentlich keine Worte verlieren, weil ohnehin schon fast alles gesagt worden ist: Sie hat sich 2010 sehr, sehr positiv entwickelt, hat ihr erstes Viertelfinale auf Future-Ebene erreicht (Wien; Anm.), hat – wenn ich mich nicht täusche – vier ITF-Turniere gewonnen (Giza, Fuijairah, Abu Dhabi, Bergheim; Anm.) und zuletzt das Nike Junior Masters für sich entschieden. Mit ihrem Umfeld und auch mithilfe der externen ÖTV-Förderung wird es ihr sicherlich gelingen, relativ rasch die nächsten Schritte in Richtung erweiterte Weltspitze zu machen.

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