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"Ich sage, wir gewinnen 3:1"

Obwohl Jürgen Melzer (Bild) erstmals seit 2002 eine Davis Cup-Begegnung auslassen muss, zerbrach er sich für die fünfte Ausgabe des "Tennismagazins" auf ORF Sport plus intensiv den Kopf über die nahe Zukunft des ÖTV-Teams: Im ORF-Schneideraum analysierte Österreichs Nummer 1 anhand von Videozuspielungen die Spieler von Österreichs nächstem Davis Cup-Gegner Slowakei. Plus: In einem weiteren ORF-Interview nahm Melzer Stellung zu Themen wie "meine Schulter", "mein Comeback" und "meine Ziele für 2014".



Jürgen Melzer über ...


... das slowakische Team: Die Mannschaft hat sich (gegenüber Österreichs letztem Duell mit der Slowakei in Bad Gleichenberg 2010; Anm.) nicht großartig verändert. Sie haben auch nicht die Optionen, sodass sie großartige Experimente machen könnten.

... Martin Klizan (Bild unten):
Ein Linkshänder mit einer sehr aggressiven Vorhand, die er versucht, immer einzusetzen. Die Rückhand sieht etwas unorthodox aus und ist auch anfälliger. Er ist schon ein bissl ein "Häferl" und kann auch schon einmal die Nerven schmeißen. Damals (2010 in Bad Gleichenberg; Anm.) war er noch jung, aber auch jetzt kann er schon hin und wieder mal "durchdrehen". Das Wichtige ist, ihn auf der Rückhand zu halten und seine Vorhand zu vermeiden, worauf man irgendwann die Chance bekommt, ihn über die Vorhand anzugreifen.

... Lukas Lacko: Er ist nicht unbedingt der Trainingsweltmeister. Er ist aber sicherlich der gefährlichere Spieler als Klizan. Vor allem auf diesem Bodenbelag - mit Aufschlag und Vorhand kann er sehr, sehr gut diktieren. Für mich ist er der Schlüsselspieler in der Begegnung mit Österreich. Wenn er gut spielt, dann ist er leider auch für zwei Punkte gut. Er scheut auch nicht, viel Risiko zu nehmen.

... Dominic Thiems Sieg über Lacko: Man sieht, wie Dominic Lacko in der Wiener Stadthalle (2012: 1. Runde Erste Bank Open; Anm.) dominiert hat und ihn in zwei Sätzen relativ glatt schlägt und Lacko ihm nicht wirklich viel entgegenzusetzen hat. Man darf aber jetzt nicht davon ausgehen, dass er ihn auch beim Davis Cup so abschießt, weil er (Lacko) damals von einem Finale in Usbekistan (Tashkent; Anm.) am Vortag angereist ist und läuferisch und bewegungstechnisch da nicht auf der Höhe war.

... Doppelspieler Michal Mertinak: Er war damals (im Davis Cup-Finale 2005 gegen Kroatien; Anm.) schon eher der Doppelspezialist, musste aber das Einzel spielen und hat dann das entscheidende Einzel gegen Mario Ancic verloren.

Klizan

... Dominic Thiem: Dominic hat die Rückhand longline fast schon zu seinem Trademark-Shot gemacht. Aus der Bedrängnis heraus spielt er sie sehr gerne, um dann mit der Vorhand Gas zu geben. Wenn er Zeit hat und eine ordentliche Spannung aufbauen kann, dann spielt er im Moment sicherlich eine der schnellste Vorhände, die es im Tenniszirkus derzeit gibt. Er schwingt durch und hat eine extrem hohe Beschleunigung, dass da ordentlich Speed rauskommt. Interessant wird sein, wie er mit dem ersten Mal Davis Cup spielen umgeht. Da kommt im Normalfall etwas Nervosität mit dazu. Mit der Anspannung, die dann auch noch dazu kommt, wird man sehen, wie er körperlich auf alles reagieren wird. Ich bin eigentlich sehr, sehr guter Dinge, und glaube, dass er - wie auch die anderen Male, wenn er in Österreich unter Druck war - das sehr gut lösen wird.

... Andreas Haider-Maurer: Ich glaube, dass ihm der Belag - wenn sie auf einem schneller Hardplatz spielen werden - ihm entgegenkommen wird. Vor allem gegen den Klizan! Ich glaube, dass er vor allem mit seiner flachen Rückhand, wenn er damit dem Klizan in seine Vorhand spielen kann und dann mit seiner eigenen Vorhand in die Klizan-Rückhand spielen kann, dem Klizan weh tun kann. Und mit seinem Aufschlag sowieso. Es ist für den Andi extrem wichtig, dass er gut serviert, denn darauf baut er sein Spiel ja auf.

... seinen Bruder Gerald: Ich glaube, dass er - obwohl er letztes Jahr in der Stadthalle gegen Lacko verloren hat - von der Spielanlage her besser zum Lacko passen könnte. So könnte man z. B. am ersten Tag mit Thiem und Haider-Maurer spielen und dann vielleicht - wenn es bei 2:2 zu einem entscheidenden Match kommen würde - Gerald ins kalte Wasser werfen. Das hat seinerzeit auch mit Martin Fischer in Israel (2010: Weltgruppen-Playoff; Anm.) gut funktioniert.

... seinen Ergebnistipp: Ich sage, wir gewinnen 3:1.

Trimmel_Thiem

... seine linke Schulter: Es geht mir eigentlich ganz gut. Wir sind auf einem sehr, sehr guten Weg, das jetzt endlich wirklich abschließen zu können. Ich bin schmerzfrei. Es fehlt nur noch ein bissl die Kraft, um wirklich auch drei, vier Matches hintereinander spielen zu können. Die muss man sich erarbeiten, und das kann man leider nur wirklich in diesem Raum (Kraftkammer; Anm.) machen und dann in weiterer Folge dann auch am Platz.

... sein erstes gescheitertes Comeback in Acapulco: Der Schmerz war eigentlich nicht so groß. Ich habe nur gemerkt, dass ich noch nicht wirklich ready bin mit der Kraft, die ich für einen längeren Zeitraum zur Verfügung habe. Es ist zwar im Training okay. Wenn man dann aber eine längere Trainingssession hat und der dann noch eine zweite anhängt, dann war's doch so, dass ich müde war und der Muskelkater und deshalb die Gefahr, dass ich mir was tu (weitere Verletzung; Anm.), extrem groß war. Und das wollte ich einfach vermeiden.

... eine mögliche Schulteroperation: Das wäre der falsche Weg gewesen! Da hätte es nicht wirklich etwas gegeben, das man operativ hätte bereinigen können. Das Problem war die Suche nach dem Problem. Was wirklich "kaputt" war, hat sich sehr, sehr lange nicht herausgestellt. Im Endeffekt war's dann nach sieben Behandlungen schmerzfrei. Als ich das Richtige gemacht habe, war ich innerhalb von zweieinhalb Wochen schmerzfrei. Nur der Prozess bis dorthin war ein sehr mühsamer: Man rennt von Pontius bis Pilatus, um herauszufinden, was eigentlich falsch ist. Es ist klar: Der Frust wird dann irgendwann einmal groß, denn wenn sich drei Monate einmal überhaupt nix tut und es eigentlich schlechter wird, dann bekommt man auch ein bissl einmal die Panik.

Melzer_Aufschlag

... ein mögliches Karriereende: Es ging (in den letzten Monaten; Anm.) weniger darum: "Das tu ich mir nicht mehr an!" Sondern es war eher die Angst vorhanden: "Findet irgendwer was Falsches." Der letzte Ausweg wäre schon gewesen: Man macht das Ganze (die Schulter; Anm.) auf und schaut operativ rein. Man hat nur von den Ärzten, die das behandelt haben, gehört, sie wüssten nicht, was sie operativ machen sollten: Kann man etwas reinigen? Kann man etwas glätten? Sie hätten mir eigentlich alle garantiert, dass ich - wenn ich nach der OP aufwache - die selben Schmerzen wieder haben werde. Wenn man darüber nachdenkt und vielleicht auch einmal eine ruhige Minute hat: Findet irgendwer, was da falsch läuft? ... weil die Zeit hat es nicht geheilt. Nach drei Monaten müsste man im Normalfall eine Besserung spüren, und die war überhaupt nicht eingetreten. Da denkt man schon ein bißchen nach darüber: Wird das wieder? Und kann man wieder seiner großen Leidenschaft nachgehen? Als es dann wirklich erste größere Schritte nach vorne gegeben hat, dann war das schon sehr, sehr erleichternd.

... die endgültige Diagnose: Der Arzt am Chiemsee (Harald Gumbiller; Anm.) hat das dann gefunden. Für ihn hat es genau fünfundzwanzig Minuten gedauert. Er hat sich das angeschaut. Hat zwei, drei oder vier Tests gemacht und dann einmal versucht, das Ganze zu betäuben, um zu sehen, ob er richtig liegt. Hat dann genau den Punkt getroffen, und ich war schmerzfrei. Ich hab nach dreißig Minuten Behandlung, nachdem er das betäubt hatte, ganz normal servieren können. Oder den Arm heben - auch das war vorher nicht möglich. Es war ein kleiner knöcherner Ausbruch, den ich mir wahrscheinlich schon vor Jahren zugefügt habe, der dann durch die Schulterfehlstellung, die sich über die Jahre auch ein bißchen "angesammelt" hat, den Ausschlag gegeben hat für die Schmerzen. Wir haben an beidem gearbeitet und die Entzündung dort weggebracht. Und jetzt schaut es eigentlich sehr, sehr gut aus.

... das Comeback-Turnier in Monte Carlo: Klopfen wir auf Holz! Wenn nix passiert, dann bin ich dort wieder dabei! Es geht jetzt nach einer schweren Konditionswoche nach Spanien ins Tennistrainingslager. Und dann hoffe ich, dass ich gestärkt nach Monte Carlo anreisen kann. Klar wird das Comeback nach so langer Zeit kein einfaches. Aber ich freu mich riesig darauf, wieder wettkampfmäßig Tennis spielen zu können.

... die Option "Proteced Rancing": Diese Option habe ich letztendlich in Acapulco gezogen, weil ich einfach nicht ready war für Acapulco. Und für die Woche danach in Indian Wells wahrscheinlich auch noch nicht. Und dann hätte ich mit Miami eigentlich nur mehr ein Turnier und den Davis Cup, den ich jetzt leider nicht spielen kann, gehabt, um das "protected ranking" zu bekommen. Da bin ich einfach den sicheren Weg gegangen, um zu sagen: Okay, ich sichere mich noch ein bißchen ab. Die Schulter ist noch nicht dort, wo sie einmal war oder wo sie hingehört. Man muss dann auch ein bißchen an die Zukunft denken.

Fanclub1

... seine Absage für den Davis Cup: Es war sehr, sehr schwierig, diese Entscheidung zu treffen. Aber wegen einem Turnier und dem Davis Cup ... ich habe so lange Jahre quasi meinen Mann gestanden im Team und das letzte Mal einen versäumt 2002. Es war sehr, sehr schwierig, abzusagen. Aber im Endeffekt muss ich sagen, ist es für meine Karriere und meine Schulter besser.

... seine Ziele für 2014: Wenn man die ersten dreieinhalb Monate versäumt hat ... das erste Ziel muss sein, wieder den Anschluss zu finden, Matches zu gewinnen und sich wieder Selbstvertrauen zu holen. Jetzt auf ein Ranking hinzuarbeiten, ist am Anfang schwierig. Für mich sind immer noch die großen Turniere und die Grand Slams die wichtigen. Und vor allem Wimbledon ist immer ein Ziel. Dort möchte ich gut spielen. (lächelt) Und vielleicht das eine oder andere Turnier zu gewinnen, wäre auch kein Fehler. Ich freu mich einfach darauf, wieder spielen zu können und die Herausforderung anzunehmen, mich mit den Besten der Welt messen zu können. Und dann schauen wir einmal, wo wir am Ende des Jahres stehen werden.

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