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GILBERT SCHALLER - GEDANKEN 57

Ungewöhnlich sonnig, mit österreichischen Teilerfolgen und faszinierenden Eindrücken für den ÖTV-Sportchef ging das Wimbledon-Turnier 2008 über die Bühne. Hier seine Bilanz:

Jürgen Melzer unterstrich mit dem Erreichen der dritten Runde seinen Anspruch, unter die besten 50 der Weltrangliste zurückzukehren, Alex Peya überstand die Qualifikation im Einzel und machte im Doppel mit dem Viertelfinaleinzug mit seinem deutschen Partner Petzschner durch den Einzug ins Viertelfinale nachdrücklich auf sich aufmerksam. Die Damen blieben den Ergebnissen nach unter den Erwartungen, jedoch war Sybille Bammer gesundheitlich beeinträchtigt und Tamira Paszek scheint wieder auf dem richtigen Weg zu sein.
Bei den Jugendlichen erreichte Philipp Lang aus der Qualifikation heraus immerhin die dritte Runde; Niki Hofmanova verlor ebenfalls in Runde drei, von ihr durfte man ein wenig mehr erwarten.
Faszinierend war und ist wieder einmal Rafael Nadal: die Art und Weise wie er trainiert, wie er auch auf Rasen die Gegner von der Grundlinie an die Wand spielt, ist sicherlich einzigartig. Klar - der Rasen ist langsamer zu bespielen als noch vor einigen Jahren, trotzdem muss man erst einmal die notwendige Beinarbeit und Stabilität der Schläge beweisen um dieses Tennis zu produzieren.
Ich würde mir wünschen, dass viele österreichische Nachwuchsspieler, die an den Grand Slam-Turnieren teilnehmen, die Gelegenheit nützen, diesen Spieler beim Training zu beobachten. Die Intensität und Qualität ist einzigartig und sollte motivierend sein für die Jungen - falls sie es überhaupt erkennen und begreifen, was sich da abspielt.
Auffallend ist auch, dass Nadal bei den Turnieren fast nur mit Nachwuchsspielern trainiert, auch Nico Reissig war bekanntlich schon einige Trainingstage bei ihm zu Gast. Sie können sein Tempo kaum mitgehen, aber man hat nie das Gefühl, Nadal wäre durch die fehlende Gegenwehr genervt. Da hab ich in Österreich schon ganz andere Dinge erlebt mit dem einen oder anderen Spieler bzw. den Eltern.
Umso mühsamer ist es dann, immer wieder zu beobachten wie weit manche bei uns von einer gesunden Einstellung zum Beruf Tennisprofi entfernt sind. Dies ist auch ein wesentlicher Aspekt meines neuen Konzeptes, in welchem ich gern eine neue Kultur etablieren möchte: eine die erkennen lässt, dass sehr vieles im Profisport möglich ist, allerdings nur dann, wenn man wirklich bereit ist, hart und zielstrebig zu arbeiten. Und wenn auch der Weitblick gegeben ist, voll konzentriert am Fernziel zu arbeiten, nicht immer bei Misserfolgen alles in Frage zu stellen.
Noch ist es aber nicht soweit, dass ich dieses Konzept umsetzen kann. Die Zustimmung in den Gremien und eine weiter adaptierte Struktur zählen natürlich auch dazu.
Ich für meinen Teil möchte auf jeden Fall wieder aktiver in den Trainingsalltag eingreifen, manchmal brennt es schon unter den Fingernägeln.
Im Moment laufen die ersten drei Sommerfutures, von den Ergebnissen der ersten beiden Turniere bin ich, was unsere jungen Spieler betrifft enttäuscht. Armin Sandbichler hat mit dem Sieg in Telfs die Ehre der Österreicher noch gerettet, aber ich hoffe auch auf ein Lebenszeichen der nächsten Generation. Das Gute daran ist, dass sich jetzt den Sommer über jede Woche eine Chance auf gute Ergebnisse bietet. Aber dafür muss man auch hart arbeiten und nicht über viele Dinge jammern, die immer wieder passieren werden.
Bei den jüngeren Burschen schaut es mit dem Ziel US Open gut aus, die Ergebnisse der Gruppe Grobbauer sind ansprechend, jetzt kommt es dann zu den Bewährungsproben auf dem Topniveau der Jugend.
Natürlich habe ich mir in Wimbledon im Hinblick auf den Daviscup auch Matches von Andy Murray und Alex Bogdanovic angesehen. Die Nummer zwei der Briten, Bogdanovic, verlor in der ersten Runde gegen Simone Bolelli. Was ich in diesem Match sah hat mich nicht sehr beunruhigt; ich denke unsere Spieler sind in Normalform vor ihn zu reihen.
Andy Murray hingegen machte eine sehr gute Figur. Ihn zu schlagen wird auf Rasen ganz schwierig werden, umso mehr gewinnt das Doppel meiner Meinung nach an Bedeutung.
Schwerer wird es auch durch den Umstand, dass Stefan Koubek sicher nicht zur Verfügung stehen wird. Er wird erst Ende September mit dem Turniertennis starten - für den Daviscup leider zu spät. Aus österreichischer Sicht müssen wir froh sein, ihn dann hoffentlich fullfit zurück zu haben.
Dies verbessert auf Rasen natürlich die Karten für Alex Peya im Hinblick auf einen Startplatz im Einzel; mal sehen, was die nächsten Monate bringen.
Viele Turniere stehen jetzt in den Ferien auf dem Programm, ich freue mich darauf. Aber ich möchte österreichische Spielerinnen und Spieler sehen, die bedingungslos um jeden Punkt kämpfen und nicht über ihr Unglück herumjammern. Es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr hören und der- oder diejenige werden wohl bald etwas von mir zu hören bekommen... Es ist nur zu Eurem Besten.
Alle Tennis-Fans einen schönen Sommer!

Gilbert Schaller

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