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GILBERT SCHALLER - GEDANKEN 52

Die Erstrunden-Begegnungen in den internationalen Cupbewerben haben die Hoffnungen doch arg enttäuscht. Erwartet hatten wir uns, dass die Herren im Daviscup den Pokalverteidiger USA daheim auf tiefem Sand fordern könnten; im FedCup wären die Damen in Bestbesetzung auch auswärts gegen Argentinien Favorit gewesen. Der Ausfall der Nummer 1 und 2 war doch zu viel. Der ÖTV-Sportchef zieht Bilanz.

Unsere Damen schlugen sich unter den gegeben Umständen recht wacker. Melanie Klaffner präsentierte sich am ersten Tag im Einzel sehr positiv, sorgte – immerhin gegen Salerni - auch für einen nicht erwarteten Punkt; schlussendlich setzte es aber trotzdem ein 1:4. Sybille Bammer war frühzeitig ausgefallen, die Absage von Tamira Paszek kam vor allem sehr spät. Auch die Tatsache, dass Captain Alfred Tesar die Absage nicht aus erster Hand erhielt, hat einen bitteren Beigeschmack. Im nächsten so wichtigen Match gegen die Schweiz um den Verbleib in der Weltgruppe 2 können wir hoffentlich wieder auf unser stärkstes Damenteam zurückgreifen.
Nach dem 1:4 im Daviscup kann ich keinem unserer Spieler etwas vorwerfen. Wir alle als Team hatten uns sehr viel vorgenommen, die Zuschauer haben uns hervorragend unterstützt. Noch einmal ein Dank an das tolle Publikum im Wiener Dusikastadion, aber letztendlich haben wir die selbst angestrebten Ziele nicht erreicht.
Da es auch kritische Reaktionen bezüglich meiner Rolle auf der Bank gab, hier meine Ansicht dazu: Wer mich kennt weiß, dass ich mich mit konstruktiver Kritik auseinandersetze, auch versuche, das Für und Wider abzuwägen, um dann auf einen für mich gangbaren Nenner zu kommen.
Meine Aufgabe als Captain auf der Bank sehe ich in erster Linie darin, dem Spieler zu versichern: „ ich bin immer bei Dir und für Dich da, egal was passiert.“
Am Freitag beim ersten Match von Jürgen Melzer geschah dies sicher auf andere Art als danach bei Stefan Koubek. Dies bestätigen mir ja auch die Reaktionen nach dem Daviscup. Bei Jürgen wurde mir keinerlei Passivität vorgeworfen und dass der Zugang zu Stefan nicht leicht ist wenn es nicht so läuft wie geplant, ist Tennis-Kennern bekannt.
Mein Zugang bei Stefan war es, mich auf wesentliche taktische Elemente zu konzentrieren sowie auf Dinge, die mir bei der Schlagausführung auffielen. Es gab zwischen uns bei jedem Seitenwechsel Kommunikation, jedoch nicht permanent während der Spielpausen. Mir ist bewusst, dass dies vielleicht nach außen hin kein perfektes Bild der Betreuung zeichnete. Mir war jedoch wichtig dem Spieler zu vermitteln: „ich rede nicht mit Dir der Selbstdarstellung wegen sondern bin in diesem wichtigen Match zu 100 Prozent bei Dir und der Rest ist mir egal.“ Dass dies auch so gesehen wurde, bestätigten mir die Reaktionen.
Die andere Ansicht ist natürlich auch nicht von der Hand zu weisen. Immer wieder gab und gibt es den Eindruck, dass unsere Spieler sich und ihr Tennis nicht gut genug nach außen hin darstellen. Kritik, die auch schon von meiner Seite gekommen ist. Wir als Team waren uns im Vorfeld einig, dass dieser Daviscup gegen die USA eine optimale Gelegenheit war, Tennis in Österreich wieder in den Vordergrund zu rücken. Was ja auch ganz gut gelang, das Interesse war so groß wie lange nicht. Der Freitag brachte eine tolle Stimmung im Dusikastadion; was fehlte, war der für uns so wichtige Punkt im Einzel.
Was nun meine Rolle als Captain betrifft, so ist es nach meinen Überlegungen vielleicht auch ein Fehler gewesen, den Tennissport, zumindest beim Match von Stefan, nicht gut genug zu verkaufen. Der Gedanke des Zuschauers vorm Fernsehschirm:“ Was ist mit dem Schaller los, der schaut nur emotionslos durch die Gegend“ ist etwas, das mich im Nachhinein doch sehr stört. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es heutzutage definitiv unerlässlich ist sein Produkt gut zu verkaufen und das habe ich, vielleicht auch gemeinsam mit den Spielern, zu sehr verabsäumt - sicher ein Fehler.
Daher gilt es für mich, in Zukunft einen gemeinsamen Nenner zu finden, um neben dem sportlichen Erfolg, für den ich mich hauptsächlich verantwortlich fühle, auch unser Tennis besser zu präsentieren und damit den Status zu erreichen, der ihm in Österreich zusteht. Dies kann aber nur gemeinsam mit dem Team und den einzelnen Charakteren in diesem Team funktionieren - eine interessante Herausforderung...
Ich werde bei passender Gelegenheit noch einmal das Gespräch mit den Spielern suchen und mit ihnen über mögliche Verbesserungen reden. Der schlagkräftigste Faktor im Sport ist nach wie vor der Erfolg; aber wir haben das Tennis noch mehr in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses zu stellen und den Fans auch in unserem Auftreten zu zeigen, dass wir mit allem Einsatz um den Erfolg kämpfen. Es fällt auch dem Verband leichter, der Öffentlichkeit Daviscupspiele mit charismatischen Typen zu verkaufen und wir hätten als Team die Möglichkeit, viel öfter vor einem Publikum wie zuletzt aufzutreten. Dann würde auch der Erfolg schneller kommen und die Spirale würde sich immer schneller in die richtige Richtung drehen.
Noch dazu würde es dann auch gelingen, so manchem in verklärter Nostalgie schwelgenden Exspieler die Substanz seiner Sprachblasen zu nehmen...

Gilbert Schaller

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