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GILBERT SCHALLER - GEDANKEN 43

Die geplante gemeinsame Rasenzeit des ÖTV-Sportchefs mit Jürgen Melzer war leider nur sehr kurz. Durch die immer größer gewordenen Probleme mit seinem Handgelenk ist an Turniertennis in absehbarer Zeit nicht zu denken. Vor einer definitiven Entscheidung holen Jürgen und seine Betreuung alle erforderlichen Meinungen und Atteste ein, aber zur Zeit scheint die Operation unumgänglich.

Trotzdem möchte ich einen kurzen Rückblick auf das deutsche Rasenturnier geben: als wir nach Halle anreisten, waren die Voraussetzungen keineswegs ideal. Jürgen hatte eine Woche lang keinen Schläger in der Hand gehabt und abgesehen von seiner Halsentzündung war das erste Training am Sonntag vor Turnierbeginn auch nur ein Herantasten. Die ersten Trainings verliefen noch planmäßig. Schritt für Schritt konnten wir die für Rasen wichtigen Komponenten umsetzen. Beginnend mit der Beinarbeit, welche sich von der auf Sand doch grundlegend unterscheidet; auch die Schlagausführung ist eine andere und dann natürlich der Schwerpunkt mit Service, Return, Volley. Dabei ist mir bei Jürgen doch einiges aufgefallen.
Dann war Matchtag gegen Nikolay Davydenko. Jürgen spielte sich mit seinem Doppelpartner Michael Jouzhny ein. Schon beim Einspielen fehlte mir bei ihm eine gewisse Anspannung, die ganz normal ist, wenn man einen Top Ten-Spieler schlagen will. Das Match verlief im ersten Satz bis zum Tiebreak normal, beide hielten ihre Aufschläge, wobei Davydenko wirklich ausgezeichnet servierte. Im Tiebreak hatte Jürgen die Nase vorn, er führte bereits mit 5:1 und hatte bei 5:2 zweimal Aufschlag. Mit zwei Doppelfehlern hintereinander brachte er den Gegner zurück in den Satz, den er dann auch verlor.
Ab dem zweiten Satz war es ein sehr eigenartiges Match, Davydenko verlor seinen Aufschlagrhythmus, Jürgen gewann zwar den Satz, aber er war nicht mehr wirklich auf dem Platz vorhanden. Ich befürchtete, dass sein Handgelenk wieder Probleme machte. Den dritten Satz verlor er und das war für mich nicht weiter verwunderlich – klar, dass da irgendetwas nicht in Ordnung war...
Nach dem Match vereinbarte ich noch mit der ATP den Spieltermin für das anstehende Doppel, danach bat mich Jürgen zu sich aufs Zimmer.
Als ich eintrat war mir schon alles klar: ich war eigentlich bereit eine Standpauke zu halten, aber als ich Jürgen mit dickem Eisbeutel auf dem Handgelenk sah, war meine Vermutung bestätigt. Er sagte mir, dass er im Handgelenk schon seit Beginn des Rasentrainings wieder Schmerzen habe und dass er speziell beim Return Angst vorm Kontakt hat, speziell wenn er den Ball nicht ganz sauber trifft. Daher meinte er auch, dass er das für nächste Woche geplante Turnier definitiv absagen müsse, um Wimbledon nicht noch mehr zu gefährden. Ich riet ihm, die Zeit zu nutzen um mit Spezialisten seine Handgelenksituation noch einmal zu klären. Und ich sagte ihm auch, dass es so nicht weitergehen könne, dass das Niveau mit eingeschränktem Trainingsumfang auch nicht zu halten sei und auch die psychische Belastung auf Dauer zu viel sein werde. Dies war in seinem Match auch klar erkennbar gewesen.
Danach stellte er sich noch hinein um Doppel zu spielen; er gewann das etwas eigenartige Match auch, aber am nächsten Tag waren die Schmerzen im Handgelenk zu arg geworden und wir reisten ab.
Jürgen nutzte die folgenden Tage intensiv, um verschiedene Meinungen einzuholen; er wird nach einigen Terminen wohl noch in dieser Woche eine Entscheidung treffen.
Mit Blickpunkt auf die Daviscup-Relegation gegen Brasilien im September ist jedenfalls zu befürchten, dass uns Jürgen Melzer nicht zur Verfügung stehen wird. Natürlich erschwert das die Aufgabe, aber ich bin trotzdem optimistisch, den Aufstieg mit unserem Team zu schaffen.

In Halle hatte ich auch Gelegenheit, Stefan Koubek in seinem Match gegen Robin Söderling zu sehen. Siegchancen waren durchaus da, er hat ja nur knapp verloren. An der Grundlinie war er sogar kompakter, aber ein zu verhalten gespieltes Aufschlaggame zum Schluss besiegelte die Niederlage. Auf Rasen ist die psychische Komponente ganz besonders wichtig; man bekommt nicht viele Chancen und wenn man dann ein wenig zu zaghaft agiert, geht es meistens schief.
Zum ersten Mal konnte ich auch Julian Knowle mit seinem Partner Simon Aspelin im Doppel sehen und die beiden machten einen sehr guten Eindruck. Julian spielte wirklich ausgezeichnet und ich denke, die beiden können noch einiges erreichen. In Halle schafften es sie es auch tatsächlich den Titel zu holen, im Semifinale und im Finale besiegten sie sehr starke Teams – herzliche Gratulation zu diesem Turniersieg!
Sehr stark hat in dieser Woche auch wieder Werner Eschauer aufgespielt und ich bin schon neugierig, wie er sich in Wimbledon schlägt.

Wenn Sie Ihre Pläne für den Sommerurlaub noch nicht fixiert haben, bietet sich eine Woche in einem der zahlreichen Tennis-Camps an. Die Auswahl ist groß...

Euer
Gilbert Schaller

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