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GILBERT SCHALLER - GEDANKEN 37

Hauptthema ist diesmal natürlich die Daviscup-Woche, die für den Sportdirektor neben den großen Erfolgen an Nebenschauplätzen viele neue Eindrücke brachte - die waren jedoch nicht immer positiv.

Vorweg herzliche Gratulation an Sybille Bammer zu ihrem ersten WTA-Titel! In der neuen Saison läuft es überhaupt sehr gut; unsere SpielerInnen haben eine Reihe schöner Erfolge erzielt. Sybille holte jetzt nicht nur ihren den ersten größeren WTA-Titel, sondern auch den ersten vollen Erfolg für Österreich in dieser Saison. Auch Werner Eschauer holte sich einen Titel, sein Gewinn des hoch dotierten Challengers in Breslau hat einen ganz besonderen Stellenwert.

Aber jetzt zum Davis Cup, der ja weit weniger erfreulich verlief: ich habe ein Tagebuch geführt und hier sind meine Erfahrungen der gesamten Woche:

Sonntag, 04.02.2007:
Heute war Anreisetag für alle. Für 21 Uhr war der Treffpunkt im Linzer Hotel für das Team vereinbart. Alle waren pünktlich - alle außer Oliver Marach. Mit ihm hatte ich im Vorfeld gesprochen und ihn informiert, dass ich nach der starken Leistung von Alexander Peya in Zagreb den Platz im Viererteam nicht garantieren könne. Danach ersuchte er mich, schon vor der Daviscupwoche eine Entscheidung zu treffen. Ich habe Für und Wieder gründlich überlegt und mich für Alex Peya entschieden, weil ich anhand der aktuellen Ergebnisse Vorteile für Alex sah. Oliver sagte darauf ab und wurde durch Martin Fischer ersetzt.
Noch am Abend hat sich das gesamte Team zusammengesetzt; ich habe alle begrüßt und meine Ziele und Anliegen für die kommende Woche dargelegt. Das war mir schon deshalb wichtig, weil es so ein gemeinsames Vorgespräch in der Vergangenheit eigentlich nicht gegeben hat. Für mich ist es einfach wichtig, dass neben den sportlichen Zielen auch eine gute Stimmung im Team herrscht; sodass alle - egal wie die Begegnung auch ausgeht - das Gefühl haben, dass es eine tolle Woche war.

Montag, 05.02.2007:
Der erste Trainingstag. Der Belag ist so wie wir es erwartet haben; vielleicht eine Spur langsamer, aber mit dem Bespielen des Belages wird er sowieso von Tag zu Tag ein klein wenig schneller. Alle Spieler fühlen sich gut und sind auch gut drauf - es läuft alles rund. Das Argentinische Team ist mit einem großen Betreuerstab angereist, viele alte ehemalige Kollegen betreuen jetzt die Spieler: Gaston Etlis, Martin Rodriguez und natürlich der Captain der Argentinier, Alberto Mancini. Ihn kenne ich schon seit mehr als 20 Jahren, als 17-jährige haben wir schon gegeneinander bei Jugendturnieren in Südamerika gespielt, dann haben wir uns auf der Tour immer wieder gesehen und jetzt sind wir für unsere Teams verantwortlich - der Kreis hat sich sozusagen geschlossen. Bisher sind die Argentinier jedenfalls sympathische Gegner.

Dienstag, 06.02.2007:
Auch heute war ich fast den ganzen Tag auf dem Platz; das Training läuft erfreulicher Weise sehr gut. Vom Gefühl her könnte es eigentlich schon losgehen, die Spieler sind gut drauf und fühlen sich wohl auf dem Platz. Fast schade, dass wir noch bis Freitag warten müssen, es gilt jetzt die Form und die Laune zu halten.
Während der Mittagspause gab es zwei Pressekonferenzen, eine mit unserem neuen Tennis Austria-Hauptsponsor „drei“ und die offizielle ITF-Pressekonferenz. Die Stimmung dabei war richtig ausgelassen, ganz im Gegensatz zu den Argentiniern, die später eine Pressekonferenz hatten und sich teilweise extrem gelangweilt und distanziert verhielten. Anscheinend haben sie mit ihren Medien nicht das beste Einvernehmen...
Abends ging es in ein Steakhaus und später gab es für alle Spieler noch eine Runde „Buzzz“, ein Sportquizspiel mit der Playstation, die Sandra Reichel für die Jungs organisiert hatte.

Mittwoch, 07.02.2007:
Jürgen Melzer hat in seiner Trainingseinheit eine sehr starke Leistung gezeigt; natürlich hoffe ich, dies ab Freitag auch im Match zu sehen. Stefan Koubek ist ebenfalls in sehr guter Form; hin und wieder ein paar Hänger in der Konzentration, aber insgesamt ein sehr kompaktes Auftreten. Ich bin schon neugierig auf die Auslosung morgen, der Start rückt immer näher, aber noch ist keine Nervosität zu erkennen. Der Captain der Argentinier hat seinen Presseleuten überraschend die Aufstellung verraten: Jose Acasuso und Guillermo Canas werden eröffnen. Für mich ändert das nichts; Melzer und Koubek werden meine Kandidaten sein. Am Abend das traditionelle Captains-Dinner, es war ein sehr schönes und gemütliches Zusammensein; mit einigen Reden, auch von mir und unserem Neuling Martin Fischer - ich muss sagen, er hat die Aufgabe gut gemeistert.

Donnerstag, 08.02.2007:
Auch heute waren die Burschen wieder sehr gut drauf auf dem Platz, fast schon ein wenig beunruhigend für mich. Irgendwie läuft alles zu glatt ab; ich hoffe, es gibt Freitag kein böses Erwachen. Zu Mittag war traditionell die Auslosung angesagt: Stefan beginnt gegen Acasuso, danach Jürgen gegen Canas. Das Interesse der Medien war groß, als Sportdirektor freut es mich, dass Tennis im Gespräch und positiv besetzt ist. Heute habe ich auch ausführlich mit den persönlichen Coaches der beiden Einzelspieler gesprochen: Thomas Strengberger und Karl-Heinz Wetter waren die ganze Woche über sehr kooperativ und gaben mir sehr persönliche Einblicke in die Arbeit mit ihren Spielern. Ich hoffe, dadurch auf der Bank wertvolle Tipps an die Spieler weiter geben zu können. Auch mit Stefan, der ja nicht immer einfach zu coachen ist, habe ich gesprochen; ich glaube der Zugang stimmt, mal sehen was der morgige Tag bringt. Am Abend waren wir wieder zusammen, die Burschen waren sehr mit den neuen Handys, gesponsert von der Firma „Drei“, beschäftigt. Danach schauten sie sich noch den neuen Rocky-Film an, ein zusätzlicher Motivationsschub.

Freitag, 09.02.2007:
Was soll man über den Verlauf dieses Tages wohl sagen? Die Stimmung beim Abendessen war den Ergebnissen entsprechend, also schlecht. Stefan hatte einen normalen Start, er hatte die Chance den ersten Satz zu gewinnen, aber mit der vergebenen Möglichkeit war auch das Selbstvertrauen im Keller. Er fand nie wieder annähernd zu seinem Spiel zurück, er war richtig sauer auf sich selbst und das drückte sich auch in der Körpersprache aus.
Bei Jürgen hatte ich zu Beginn das Gefühl, dass er der bessere Spieler war. Er lieferte einen sehr guten Start, gleich ein Break, aber dann schenkte er sein Aufschlagspiel mit zwei Doppelfehlern her und Canas kam vor allem durch die Fehler von Jürgen immer besser ins Spiel. Der Argentinier zeigte in der Folge eine fast fehlerloses Leistung. Jürgen musste immer mehr riskieren um den Punkt zu machen, blieb dann teilweise auch wieder zu passiv, aber es war wirklich sehr schwierig für ihn gegen diesen heute so starken Argentinier.
Am Abend hat mich auch noch Julian Knowle ein wenig beunruhigt, er sagte mir, dass er sich nicht so wohl fühle, eine leichte Verkühlung hat und auf das Training verzichtet.

Samstag, 10.02.2007:
Die erste Nachricht war gut: Julian ging es besser und er konnte das Doppel spielen. Dafür ging es mir nicht gut, ich hatte Kopfschmerzen und mir war schlecht. Natürlich informierte ich die Spieler und unser Betreuerteam. Die Spieler machten sich Sorgen wegen der Ansteckungsgefahr - alles sah nach einem Magen-Darm-Virus aus. Daher beschlossen wir, dass ich ihnen besser nicht zu nahe komme. Was natürlich auch bedeutet, nicht auf der Bank zu sitzen. Ich nominierte Alex Peya als Captain. Das Doppel ist dann sehr positiv verlaufen; Julian und Jürgen haben eine souveräne Leistung geboten, wie ich leider nur im Fernsehen sah. Auf jeden Fall durften wir unseren ersten Sieg feiern.
Auch mir ging es mit Fortdauer des Tages besser und ich erhielt von Teamarzt Edi Lanz die Erlaubnis, zum Team zurückzukehren.
Nach dem Abendessen noch Einzelgespräche mit Stefan Koubek und Alex Peya. Ich habe entschieden, Alex den Vorzug im letzten Einzel zu geben. Gegen Canas sind für mich beide Außenseiter, aber Alex traue ich auf Grund seiner Spielanlage mehr Chancen zu. Stefan versteht meine Entscheidung nicht und ist sauer. Ich kann nachvollziehen, dass er so fühlt, hoffe aber auch, dass sich der Ärger schnell verzieht.

Sonntag, 11.02.2007:
Das Gerücht bestätigte sich ziemlich schnell: der junge Juan-Sebastian Del Potro spielt statt Jose Acasuso gegen Jürgen. Mir wäre Acasuso ein wenig lieber gewesen, gegen Del Potro fühlte Jürgen noch mehr den Druck, gewinnen zu müssen.
Das Match war schlussendlich auch eine enge Geschichte mit dem aus unserer Sicht falschen, aber konstanteren Sieger. In diesem Match ist es mir viel leichter gefallen Emotionen zu zeigen; ich habe bis zum Schluss an unsere Chance geglaubt, ganz im Gegensatz zum Freitag. Alex Peya lieferte in seinem Match gegen Guillermo Canas eine gute Leistung ab.
Unterm Strich blieb eine 1:4 Niederlage. Mein Gefühl nach dieser Woche ist natürlich nicht gut. Es waren einige Enttäuschungen dabei, spielerisch aber auch menschlich; bei manchen ist es mit der Persönlichkeitsentwicklung leider nicht weit her und so wundert es mich auch nicht, dass die Halle in Linz halb leer geblieben ist. Auch wenn meiner Meinung nach die Kartenpreise zu hoch angesetzt waren.
Die tolle Woche die ich mir erhofft hatte, ist es definitiv nicht geworden. Wir alle werden mit berechtigter und auch unberechtigter Kritik leben müssen. Die Frage ist, was wir mit den Erfahrungen von Linz machen: schaffen wir es, gestärkt und mit neuen Ansätzen aus dieser Niederlage zu lernen oder geht alles seinen gewohnten Weg weiter. Ich versuche meine Lehren daraus zu ziehen und hoffe auch, dass die Spieler ihre Aufgaben mitnehmen. Vielleicht zeigt uns die Zukunft, wofür diese Woche gut war.

Viel Erfolg!
Gilbert Schaller

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