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"Gewinnen ist immer schön!"

Mit dem Viertelfinale in Miami hat Jürgen Melzer (Bild) einen wichtigen Punkt in seiner aktuellen Karriere erreicht, der er heuer noch einige Erfolgsmeldungen hinzufügen will: "Ich habe mir das Ziel, Ende des Jahres in der Weltrangliste um die 20 stehen zu wollen, vorgegeben, und dort will ich auch hin!" Österreichs Nummer 1 im Interview über ein Challenger als wirkungsvolles Mentaltraining, wenige zu verteidigende Punkte bis Jahresende und seinen Bruder Gerald als potentiellen Davis Cup-Partner an seiner Seite. Melzers Achtelfinal-Match gegen Albert Ramos wird übrigens life am 26. März auf ORF Sport plus übertragen!

Laut Papierform hätte dein Drittrunden-Gegner eigentlich Juan Martin del Potro sein müssen, der in der zweiten Runde gegen Tobias Kamke allerdings verloren hat. Auf den ersten Blick hätte man im Vorfeld deiner Partie gegen Kamke vermuten können, dass Kamke eine sehr gute Auslosung wäre. War's am Platz dann tatsächlich so? Ich hab mir mit Alexander (Waske; Anm.) seinen ersten Satz gegen del Potro angeschaut. Er hat dabei - vor allem von hinten - sehr gut gespielt. Das war Tennis auf sehr hohem Niveau. Im Endeffekt muss man aber trotzdem sagen, dass man gegen einen Kamke lieber spielt als gegen einen del Potro, bei dem man ganz genau weiß, welches Potential er nach oben hat. Das war eine Auslosung für die dritte Runde, die man nehmen und versuchen muss, sie auch auszunützen. Und Gott sei Dank ist mir das auch gelungen! Im ersten Satz habe ich zwar schlecht gespielt, aber sehr gut gefightet und das Match dann doch noch über den Kampf gewonnen. Der dritte Satz war dann ordentlich (6:7, 6:3 6:4; Anm.). Ich bin echt happy, in der nächsten Runde zu sein.

Täuscht der Eindruck von außen, dass dir die beiden Siege (Einzel und Doppel; Anm.) beim Challenger-Turnier in Dallas vor einer Woche richtig gut getan haben?
Natürlich nicht, das war quasi ein Mentaltraining, das genau zum richtigen Zeitpunkt in die richtige Richtung gewirkt hat. Nachdem ich in Indian Wells eine sehr bittere Niederlage kassiert habe (gegen Mischa Zverev; Anm.), hätte ich bis zum Turnier in Miami zehn Tage lang mehr oder weniger untätig herumsitzen müssen. Das wäre nicht wirklich optimal gewesen. Deshalb haben wir uns entschlossen, dieses Challenger in Dallas zu spielen. Dass es dann so ausgeht, wie es ausgegangen ist - damit hat man vorher sicherlich nicht rechnen können. Ich habe dort sehr viele enge Matches zu spielen gehabt, habe dort auch nicht unbedingt mein bestes Tennis gespielt. Ich habe aber trotzdem gewonnen. Und das ist das einzig wirklich Wichtige! Das Selbstvertrauen ist dadurch besser geworden, und damit hat sich - quasi Hand in Hand - auch das Spielerische verbessert. Jetzt habe ich bereits acht Matches hintereinander gewonnen.

Macht’s für dich eigentlich irgendeinen Unterschied, bei welchem Turnier du den Siegespokal in die Hand gedrückt bekommst, solange es nicht unbedingt ein Future-Turnier ist?
Sagen wir einmal so: Der Challenger in Dallas war nicht unbedingt so besetzt wie es ein typischer Challenger normerweise ist: Das Niveau war extrem. Wer hat da aller mitgespielt? Ein Baghdathis, ein Bellucci, ein Istomin, ein Sijsling, ein Troicki - da haben also schon sehr viel Gute mitgespielt. Von dem her war es für mich eine sehr, sehr gute Woche mit einem sehr guten Ausgang. (lächelt)Und außerdem: Gewinnen ist immer schön! Deshalb betreiben wir unseren Sport ja auch so gerne.

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Nach der letzten Saison, die nicht unbedingt so verlaufen ist, wie du es dir gewünscht hast, hast du gesagt: „Für mich ist das Wichtigste, wieder Matches zu gewinnen.“ In Zagreb hat’s heuer mit dem Finaleinzug gut geklappt, in Memphis und in Indian Wells mit den Erstrunden-Niederlagen nicht, jetzt in Dallas dann mit dem Sieg im Einzel und im Doppel dann wieder schon. Hast du dieses Auf und Ab für dich schon analysiert und verarbeitet?
Dass man nicht jede Woche Turniere gewinnen kann - damit muss ich mich leider abfinden. Ich habe heuer - bis auf Memphis und Indian Wells - ein Viertelfinale in Brisbane gespielt, habe die dritte Runde in Melbourne erreicht, habe das Finale in Zagreb gespielt, habe ein Challenger gewonnen und stehe jetzt im Achtelfinale von Miami. Ich sage jetzt einmal: Wenn man unbedingt will, dann kann man alles schlecht reden!

2012 war für dich das größte Problem, dass du zu passiv und zu weit hinter der Grundlinie gespielt hast. „Ich muss wieder der Spieler werden, der das Spiel diktiert“, hast du dir vorgenommen. Wie weit entfernt bist du noch von dieser Zielvorgabe?
Dasist etwas, das auf jeden Fall schon wieder besser geworden ist. Ich hab in meinen Matches heuer knapp 500 Punkte gemacht. Das heißt also, dass ich schon einige Matches gewonnen habe. Natürlich sind immer wieder Matches dabei, in denen ich noch immer etwas zu passiv bin. Wir arbeiten aber daran, dass ich wieder aktiver werde. Letzte Woche in Dallas ist es schon sehr gut gelungen, in den ersten beiden Runden in Miami war's auch okay. Da muss man also schon auch den Kopf nach oben halten und nicht immer sagen: Warum ist das nicht gelungen? Warum das nicht? Und warum das nicht? Diese Sichtweise will mir einfach nicht in den Kopf!

Spielen die ehemaligen Agassi-Trainer Darren Cahill und Gil Reyes in deinem sportlichen Leben jetzt eigentlich noch eine Rolle?
Nein, überhaupt nicht mehr. Ich habe mit beiden zwar teilweise noch Kontakt. Im täglichen Training spielen sie aber keine Rolle mehr.

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Weil Journalisten immer wieder gerne nach Erwartungen, Hoffnungen und Zielen für die kommende Saison fragen, bist auch du am Ende der vergangenen Saison danach gefragt worden. Du hast gesagt: „Im Endeffekt möchte ich am Ende der Saison um die 20 stehen. Das muss das Ziel sein.“ Hat sich das für dich mittlerweile relativiert?
Warum soll sich dieses Ziel relativiert haben? Wir haben Ende März, und ich habe knapp 500 Punkte gemacht. Mein Ziel hat sich also überhaupt nicht geändert. Ich werde versuchen, weiterhin soviele Matches wie möglich zu gewinnen. Und dann werden wir am Ende des Jahres sehen, wo ich stehe. Ich habe mir dieses Ziel, in der Weltrangliste um die 20 stehen zu wollen, vorgegeben, und dort will ich auch hin!
Was schießt dir durch den Kopf, wenn ich dir die Namen folgender Turniere sage? Monte Carlo (2012: 2. Runde; Anm.), Madrid (2012: 2. Runde), Rom (2012: 1. Runde), Roland Garros (2012: 1. Runde), Wimbledon (2012: 2. Runde). Dann denke ich daran, dass ich in dieser Saison generell nicht mehr allzu viele Punkte zu verteidigen habe, am Ende des Jahres eigentlich "nur" das Semifinale von Valencia aus dem Vorjahr. Ansonsten ist es aber immer nur die eine Runde bei dem einen Turnier gewesen und die andere beim nächsten. Dass ich 2012 in der zweiten Jahreshälfte nicht unbedingt sehr gut gespielt habe, weiß jeder, der das Tennis regelmäßig verfolgt. Und ich selber weiß das natürlich auch selber. Daher habe ich jetzt eine nicht einmal so schlechte Ausgangsposition für den Rest dieser Saison und kann vielleicht mehr Punkte als 2012 machen. Ich selber kann nur weiter arbeiten und versuchen, meine Matches zu gewinnen.


Beim Davis Cup gegen Kasachstan in Astana war dein Bruder Gerald als Sparringpartner mit dabei. Traust du es ihm zu, bei künftigen Davis Cup-Partien nicht „bloß“ auf der Ersatz-, sondern irgendwann einmal auch auf der Spielerbank Platz nehmen zu können?
Er muss sich natürlich weiterentwickeln. Im Moment sind mit Andi (Haider-Maurer; Anm.) und mir die zwei Einzel-Spieler mehr oder weniger vorgegeben. Wenn er sich aber weiterentwickelt, könnte er zu diesem Kreis auch dazugehören. Es liegt alles an ihm. Das Potential dazu hat er auf jeden Fall. Ob er's in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren bringt, wird man dann schon sehen.

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Er hat in den letzten Jahren immer wieder an Orten gespielt, von denen die wenigsten Menschen schon einmal gehört, geschweige denn sie jemals besucht hätten: Kigali in Ruanda, Bujumbura in Burundi oder Annaba in Algerien. Im Umfeld einiger dieser Turnierorte toben immer wieder Bürgerkriege. Machst du dir Sorgen um ihn, wenn du hörst, dass er wieder in Richtung solcher Gegenden unterwegs ist?
Nicht unbedingt. Ich denke mehr in diese Richtung: Wenn man dort ein Tennisturnier veranstaltet, dann kann es nicht so gefährlich sein. Bis jetzt war auch nie irgendeine Situation, die gefährlich war. Daher mache ich mir um ihn keine Sorgen.

Kannst du dich noch an deine Anfangszeiten als Profi erinnern, als auch du noch bei derart kleinen Turnieren „Klinken putzen“ musstest? Z . B. 1998 in Benoni (RSA) oder 2000 in Pembroke Pines (USA) oder 2000 in Homebush (AUS).
Natürlich weiß ich noch ganz genau, wie es war, als ich noch bei kleineren Turnieren unterwegs war. Aber ohne diese Turniere hätte ich nicht dieses Leben wie ich es jetzt habe. Das muss man sich erst einmal erarbeiten, gut spielen und harte Arbeit an den Tag legen, um dann ein paar Jahre später bei Turnieren wie z. B. diesem hier in Miami spielen zu können. Das, was es wirklich bedeutet, in der Weltrangliste so weit vorne zu stehen, das wissen nur die, die es wirklich versucht haben. Dieses Level muss man sich erspielen und erarbeiten. Und wenn man dann einmal dort ist, dann kann man es auch so richtig "genießen".

Der ÖTV hat in den letzten Wochen gemeinsam mit der BSPA Innsbruck aktuellen und ehemaligen Davis Cup- und Fed Cup-SpielernInnen die Ausbildung zum „Tennislehrer für Hochleistungssportler“ angeboten. Dass du dafür derzeit keine Zeit hast, liegt auf der Hand, aber wäre eine derartige Karriere eine mögliche Option für die mittelfristige Zukunft?
Das kann natürlich sein. Ich werde auf jeden Fall auch nach meinem Karriereende dem Tennis in der einen oder der anderen Form erhalten bleiben. Wie es dann aber tatsächlich aussehen wird, das muss ich mir dann überlegen, wenn meine Karriere tatsächlich vorbei ist. Vielleicht werde ich so eine Ausbildung machen, vielleicht auch nicht. Das steht derzeit noch in Sternen.




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