ITF

Ein Rohdiamant in der Schleifmaschine

Jurij Rodionov ist 16 Jahre jung. In diesem Jahr hat der waschechte Weinviertler drei ITF-Turniere gewonnen, er ist 2016 unbesiegt. In der Rangliste liegt der Teenager in seinem Jahrgang auf Platz drei. Weltweit. Das Porträt eines rot-weiß-roten Welt-Burschen.

Gestatten: Rodionov, Jurij Rodionov. Alter: 16. Geburtsort: Nürnberg. Staatsbürgerschaft: Österreich. Wohnort: Matzen. Ein Rest-Russe also, der sich ein rot-weiß-rotes Tennisshirt anzieht und für eine Nation einläuft, mit der er eigentlich rein gar nichts zu tun hat, oder?

Weit gefehlt, ganz weit.

Jurij Rodionov kam mit seinen Eltern als Zweijähriger nach Niederösterreich. „Ich habe mich nie als Ausländer betrachtet. Die Bezeichnung Weißrusse ist fremd für mich“, sagt der 16-Jährige, der im Juni 2015 die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekam. Er spricht mit charmanter Weinviertler Klangfarbe.

Heuer hat Rodionov noch kein Tennismatch verloren.  Dafür stehen 15 Siege und die damit verbundenen drei ITF-Turniergewinne zu Buche. Abgegebene Sätze: Zwei. Noch sprachloser macht die Tiebreak-Bilanz in diesem Jahr:  13:1. Fast logisch, dass der Aufschlag eine der Waffen des 1,90 m großen Teenagers ist, der den Spanier David Ferrer als Vorbild nennt. „Weil er das Beste aus wenig Talent gemacht hat.“ Nachzueifern gelte es freilich Marat Safin, Roger Federer oder  Jurijs gebasteltem, idealen Tennisspieler, der vermutlich unschlagbar wäre:

Service: Feliciano Lopez
Rückhand: Novak Djokovic
Vorhand: Juan Martin del Potro
Volley: Roger Federer
Kampfgeist: David Ferrer

rodioUnd: „Er sollte Linkshänder sein, so wie ich“, sagt Rodionov, der mit viel Eifer zum spanischen-serbischen-argentinischen-schweizerischen-spanischen Ausnahmesportler mutieren möchte. „Das Potenzial hat Jurij“, sagt Martin Spöttl, der dem Talent seit 1. Jänner 2015 als Coach den Weg bereitet. Die Vorzüge? „Die mentale Stärke. Er hasst es, zu verlieren. Er steckt schon im Training dem Gegner die Faust ins Gesicht“, sagt der 40-jährige Vorarlberger, der kurz vor der Jahrtausendwende unter den Top-200 der ATP-Weltrangliste zu finden war, ehe ihn eine Knieverletzung zum Karriereende zwang. „Technik und Taktik kann man jedem beibringen. Jurij hat heute schon eine geile Rückhand, eine geile Vorhand, einen geilen Aufschlag, spielt top Volleys. Das hebt ihn von den Anderen ab.“

Jurij Rodionov übte sich schon früh, um Meister zu werden. Als Volksschüler griff er erstmals zum Schläger, zufällig, als die Klasse einen Tennisclub inspizierte. Talent: vorhanden. Jurij wurde Heribert Elias anvertraut, der in Deutsch Wagram die ersten schlägertechnischen Gehversuche mit Jürgen Melzer unternommen hatte. Talent: gefördert.

Nachdem er die allgemeine Schulpflicht erfüllt hatte, nahm Jurij den Job des Fulltime-Tennis-Profis an. Er arbeitet mindestens sechs Stunden am Tag. „Ich erhole mich lieber in der Freizeit, als zu lernen.“ Hopp oder tropp also, keine Ausbildung, ein riskanter Weg ohne Rückversicherung. „Weder Federer, noch Nadal haben die Schule beendet. Das letzte, was man ihnen nachsagen kann, ist, dass sie nicht intelligent sind“, sagt Rodionov, der  bemerkenswert fehlerfreie Mails schreibt und die Beistrichsetzung besser beherrscht als mancher Akademiker.

Finanziert wird Jurijs Leidenschaft von den Eltern - die Mutter ist bei jedem ITF-Match mit von der Partie. Und vom ÖTV. Der Bursche erfüllt die Förderungsbestimmungen im Rahmen des neuen Sportkonzepts und wird vom Verband mit 15.000 Euro pro Jahr unterstützt (INFO).

„Ich hatte erst einen Spieler, der so hart gearbeitet hat“, sagt Martin Spöttl. „Daniel Köllerer.  Und der schaffte es in die Top-100 der Welt. Als Trainer kriegt man nur ab und zu die Chance, einen Jungen aufzubauen und an die Spitze zu führen.“ Der vorgegebene Weg dorthin wird längst beschritten. Seit Beginn der Kooperation verbesserte sich Rodionov binnen eines Jahres von Platz 252 der ITF-Rangliste auf Rang 15 – und zwar bei den 18-Jährigen. In seinem 1999er-Jahrgang wird er als Dritter geführt. Weltweit. Dominic Thiem hatte es in jungen Jahren bis auf Platz zwei geschafft. „Jetzt muss Jurij lernen, mit Niederlagen umzugehen“, sagt Spöttl.

Die nächste Möglichkeit hierfür bietet sich hoffentlich nicht in Kazan, wo sich Rodionov ab 23. Februar an einem ITF-Kat.1-Turnier beteiligen wird. „Diese Russland-Reise wird meine bisher weiteste“, sagt der Niederösterreicher, der sich nach Kazan auf den Juniorenbewerb der French Open in Paris vorbereiten wird. Danach geht’s erstmals nach Wimbledon. Bei beiden Grand Slams wird er gesetzt sein. „Sand ist mein Lieblingsbelag, da rechne ich mir einiges aus. Auf Rasen? Keine Ahnung, habe ich noch nie gespielt.“

Läuft‘s wunschgemäß, wird Rodionov heuer mit den ITF-Events abschließen, versuchen, die Futures rasch hinter sich zu lassen und bei Challengern die Qualifikation zu bestreiten. Dass der steinige Weg kurz sein kann, hat Dominic Thiem vorgezeigt.

Der vierfache ATP-Turniersieger ist erst 22.

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