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Davis Cup

DAVIS CUP: INTERVIEW MIT GILBERT SCHALLER - "VIERTELFINALE? DARAN JETZT BLOSS ZU DENKEN, WÄRE UNVERSCHÄMT“

"La Boum", die große Davis Cup-Fete Österreichs mit Frankreich, wirft erste spannende Schatten voraus. Genau einen Monat vor dem dritten Spieltag (6.3.) spricht Davis Cup-Captain Gilbert Schaller (Bild) im letzten Teil unseres dreiteiligen Interviews nicht über ein mögliches Viertelfinale, dafür aber über das, was er Guy Forget nach einem heimischen Sieg ins Ohr flüstern würde.



TEIL 1

"Druck wie innerhalb einer Flugzeug-Turbine"
(4.2.2011)

In genau einem Monat ist es soweit - zum ersten Mal seit 2009 spielt Österreich wieder in der Weltgruppe und könnte mit einem Sieg gegen Frankreich ins Viertelfinale einziehen. Kribbelt es schon ein bißchen?

Dafür ist es jetzt noch ein bißchen zu früh. Ich weiß aber ganz genau, dass dieses Gefühl der Vorfreude beim gesamten Team ein, zwei Wochen davor einsetzen wird. Wir werden dann unseren Rhythmus so wie bisher beibehalten, werden uns am Sonntag davor treffen und dann das Ganze im üblichen Rhythmus durchpeitschen. Es wird auf jeden Fall eine stressigere Woche als jemals zuvor werden, da bei einem Heimmatch gegen einen Gegner wie Frankreich der Druck von außen dementsprechend groß sein wird. Vor allem für Jürgen wird es eine Woche werden, in der sehr viel Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt sein wird. Das wird auch für ihn keine leichte Situation werden. Er ist allerdings schon lange genug auf der Tour – daher bin ich überzeugt, dass das für ihn kein großes Problem werden wird.


Es sind bis jetzt schon viele Tickets verkauft worden. Die Stimmung wird also grandios sein ...
... deshalb gehe ich jetzt einmal davon aus, dass im Hangar 3 eine extrem tolle Atmosphäre herrschen wird. Dass dadurch der Druck auf Jürgen Melzer ähnlich groß wie innerhalb einer Flugzeug-Turbine sein wird, dem ist er sich absolut bewusst. Aufgrund seines Top Ten-Status ist logischerweise auch die Erwartungshaltung der Fans dementsprechend hoch. Man darf aber trotzdem nicht vergessen, dass die Gegner, die gegen uns aufmarschieren werden, alle miteinander Weltklasse sind und sich alle auf einem annähernd gleichen Niveau wie Melzer bewegen. Es wird also sicher eine ganze enge Geschichte werden. Mit diesem Druck umzugehen hat Jürgen in den letzten Monaten Gott sei Dank aber sehr gut gelernt.

Ohne dir in Bezug auf die Aufstellung des Teams vorgreifen zu wollen, würden auch Spieler wie z. B. Andreas Haider-Maurer oder Martin Fischer einem derartig hohen Druck standhalten können?
Das ist das große Fragezeichen. Haider-Maurer und Fischer sind – so wie es jetzt ausschaut – tatsächlich die beiden Spieler, die sich um den zweiten Einzelplatz matchen werden. Für beide ist ein Heimspiel vor der einer derartigen Kulisse sicherlich eine neue und sehr schwierige Situation. Es haben beide im Vorjahr aber bewiesen, dass sie imstande sind, Hervorragendes zu leisten – Andi mit dem Finaleinzug vor heimischem Publikum in Wien und Martin mit dem entscheidenden dritten Punkt im Davis Cup-Duell mit Israel, wo er gezeigt hat, dass er seine Nerven im Zaum halten und ein ausgezeichnetes Match spielen kann. Das stimmt mich positiv. Trotzdem ist es auch für mich nicht einfach, zu bewerten, wie sie mit einer für sie neuen Situation umgehen werden.

Wie müssen Spielertypen wie Haider-Maurer und Fischer während einer Partie eigentlich betreut werden? Mehr mit Zuckerbrot oder mehr mit Peitsche?
Andi ist ein Spieler, der ein ganz klares Konzept braucht und innerhalb dieses Konzepts von der Betreuerbank auch immer wieder Unterstützung braucht. Wenn im Verlauf eines Matches dann das Eine oder Andere nicht so aufgeht, wie’s eigentlich geplant war und man etwas ändern sollte, dann braucht er diese Unterstützung bzw. Information von mir. Beim Martin schaut das Ganze schon wieder ein bissl anders aus: Er ist in der Lage, viele Informationen sehr gut zu verarbeiten und wird dadurch auch nicht hektischer oder unruhiger. Er ist ein Spieler, der Informationen sehr gut filtern kann und ein Spielertyp, der im Verlauf eines Matches sehr stark vom „Lesen“ seines Gegners lebt, d. h. nicht bloß auf den Gegner reagiert, sondern dann auch das Richtige tut. Im Gegensatz dazu ist Andi ein Spieler, der versucht, dem Gegner sein eigenes Spiel aufzuzwingen.


TEIL 2

„Derzeit spielt Melzer eine One-Man-Show“
(5.2.2011)

Dass Tennisprofis heutzutage oft nur mit Mentaltraining zum Erfolg kommen, ist nichts Neues. Wie schaut es in dieser Hinsicht bei dir aus? Trainierst du als Trainer ebenfalls dein Nervenkostüm, um dann bei heißen Partien wie z. B. gegen Frankreich ruhig zu bleiben?
Ich glaub nicht, dass ich das typische „Flipperl“ auf der Bank bin und hab mir statt dessen schon öfter den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass ich viel zu ruhig bin. Deshalb hab ich kaum die Angst, dass ich gegen Frankreich die Nerven wegschmeißen könnte. Ich hab selber im Davis Cup gespielt und dabei doch einiges an Erfahrungen sammeln können. 1994, beim Davis Cup-Kracher gegen Deutschland, hab ich zwar nicht selber gespielt, war aber mit dabei im Team. Aufgrund der Heimmatches, die ich selber bestritten habe, weiß ich aber schon, was da alles abgehen kann und kann deshalb den Spielern auf der Bank die nötige Ruhe vermitteln. Das ist für sie auch sehr wichtig – dass sie sich auf der Bank zumindest für kurze Zeit in ihren eigenen „Kokon“ zurückziehen können, dort wieder zu sich finden, um dann für die kommenden Aufgaben konzentriert zu sein. Unabhängig davon, was im Hangar zu diesem Zeitpunkt gerade alles los ist.

Alles Eigenschaften, die einem routinierten Spieler logischerweise leichter fallen als einem Jüngeren. Wäre aus heutiger Sicht Julian Knowle schon fit genug für ein Match gegen den Vorjahrsfinalisten Frankreich?
Zum jetzigen Zeitpunkt ist es sehr schwierig, das zu beurteilen. Was mich aber sehr positiv stimmt, ist das Ergebnis seines ersten Turniers nach der OP aus Zagreb, wo er (gemeinsam mit Simon Aspelin) bis ins Semifinale gekommen ist. Ich hab vorige Woche mit ihm gesprochen. Dabei hat er mir bestätigt, dass er bereits seit einer Woche voll trainiert und überhaupt nicht mehr an seine operierte Leiste denkt. Noch dazu hat auch Oliver Marach bei den Australian Open ausgezeichnet gespielt (Viertelfinale; Anm.). Das heißt, ich schau mir jetzt einmal an, wie die beiden in den nächsten Wochen spielen und werde dann eine Entscheidung treffen.

Hast du dir die Franzosen in letzter Zeit bewusst angeschaut? Hat es bereits Video-Analysen gegeben?
Ich kenne die Franzosen ziemlich gut, hab z. B. vom Monfils schon sehr viele Matches gesehen, zuletzt live in der Stadthalle. Noch dazu kennen unsere Spieler und dabei v. a. der Jürgen die Franzosen sehr gut. Wir wissen also ziemlich gut, was da alles auf uns zukommt. Wer dann bei ihnen noch aller im Team stehen wird, ob Tsonga fit genug sein wird oder Llodra, Gasquet oder Simon, der gegen Federer in Melbourne eine super Fünf-Satz-Partie gespielt hat, ... die kenn ich schon ziemlich gut und kann mit unseren Spielern auch sehr gut reden, da jeder seine eigenen Erfahrungen mit ihnen bereits gesammelt hat. Auch Jan Velthuis (Physiotherapeut von Jürgen Melzer; Anm.) ist als kleine „Geheimwaffe“ nicht zu unterschätzen, da er ja ständig auf der Tour mit dabei ist und jeden einzelnen Franzosen sehr gut kennt.

Deinem hohen Wissensstand über die „Grande Nation“ steht allerdings die Tatsache gegenüber, dass Frankreich mit Monfils, Tsonga, Llodra, Gasquet, Simon, Chardy, Benneteau, Serra, Mannarino und Mathieu insgesamt zehn Spieler unter den Top 100 (Stand: 31.1.2011) hat, Österreich mit Melzer nur einen. Kann man dieses 10:1-Zahlenspiel als Sinnbild für das tatsächliche Kräfteverhältnis zwischen den beiden Nationen heranziehen?
In gewisser Hinsicht auf jeden Fall. Die Franzosen waren 2010 im Davis Cup-Finale und haben bisher neun Mal die Schüssel gewonnen. Sie haben eine wahnsinnig breite Dichte, aus der sie ihre Spieler „herausschöpfen“ können. Was Einzelspieler auf Weltgruppen-Niveau betrifft, absolviert hingegen auf der anderen Seite Jürgen Melzer bei uns eine One-Man-Show. Wir haben mit Julian Knowle und Jürgen Melzer Gott sei Dank auch ein bzw. mit Oliver Marach sogar zwei Weltklasse-Doppel. D. h. die Erwartungshaltung ist derzeit ausschließlich auf den Jürgen und auf das Doppel ausgerichtet. Blickt man dann aber in die nähere Zukunft, wird es für uns auf jeden Fall das Um und Auf sein, dass Spieler wie Haider-Maurer oder Fischer Boden im Ranking und an Erfahrungen gut machen. Aus heutiger Sicht muss man nämlich ganz ehrlich sagen, dass jeder Punkt, den wir aus einem zweiten Einzel machen, eine Überraschung ist, mit der wir vorher nicht rechnen können. D. h. wir müssen in den nächsten Jahren in eine Position kommen, dass ein zweiter Einzelpunkt – egal gegen welchen Gegner – jederzeit möglich ist.

 
TEIL 3

„Ein neunfacher Davis Cup-Sieger!“
(6.2.2011)

Die Leistung der Franzosen bei den Australian Open war nicht gerade berauschend: Monfils – 3. Runde gegen Stanislas Wawrinka, Tsonga – 3. Runde gegen Alexandr Dolgopolov. Llodra – 2. Runde gegen Milos Raonic. Gasquet – 3. Runde gegen Tomas Berdych, Simon – 2. Runde gegen Roger Federer.
Dabei ist aber v. a. Gilles Simon herausgestochen, der Roger Federer in einer super Fünf-Satz-Partie auf höchstem Niveau gefordert hat. Aber unabhängig von irgendwelchen Niederlagen der Franzosen sollten wir nicht vergessen, wer uns da im Flugzeug-Hangar gegenüberstehen wird: Ein neunfacher Davis Cup-Sieger und der Davis Cup-Finalist aus dem Vorjahr!

Sind wir trotzdem einmal so unverschämt und werfen zumindest einen vorsichtigen Blick ins Viertelfinale. Dort würde ein Heimspiel gegen den Sieger aus Deutschland – Kroatien warten.
(verdreht die Augen) Pfhhhhh ... das wäre tatsächlich sehr, sehr unverschämt, und darüber jetzt schon zu reden oder auch nur daran zu denken, würde gar nichts bringen. Wir haben vier Einzel und ein Doppel gegen Frankreich zu spielen. Punkt! Aus!

Die Stimmung im Flugzeug-Hangar wird höchstwahrscheinlich einzigartig sein. Hast du dir eigentlich schon überlegt, was dieser Satz auf Französisch bedeuten würde? „Gratulation zu dieser Leistung, Herr Forget. Aber bei dieser Publikumskulisse mussten wir einfach gewinnen.“
(lacht) Excusez-moi, ich bin zwar nach Gilbert Bécaud benannt worden, den meine Großmutter verehrt hat, mein Französisch ist trotzdem sehr, sehr rar. Mit Guy Forget (Frankreichs Davis Cup-Captain; Anm.) kann man sich Gott sei Dank auch sehr gut auf Englisch unterhalten. Diesen Satz würde ich ihm aber tatsächlich sehr gerne in seiner Muttersprache sagen und würde ihn dann auch auswendig lernen.

Ich hab mich selber erst einmal schlau machen müssen. Im Fall eines Sieges könntest du Guy Forget die Hand schütteln und dabei sagen:  Nos félicitarions sincères  à cette performance, Monsieur Forget. Mais à ce public nous devions gagner tout simplement.  Auf Deutsch: Unsere aufrichtigen Glückwünsche für diese Leistung, Herr Forget. Aber bei dieser Publikumskulisse mussten wir einfach gewinnen.
Ich würde mich extrem freuen, wenn ich ihm das tatsächlich sagen dürfte. Ob er sich genauso darüber freuen würde, wage ich allerdings zu bezweifeln ...

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