20-Jahr-Jubiläum: Thomas Muster schreibt Tennis-Geschichte

Vor exakt 20 Jahren erfüllte sich Österreichs bester Tennisspieler aller Zeiten einen Kindheitstraum und löste in Österreich einen bis heute unübertroffenen Tennisboom aus: Thomas Muster gewinnt das Finale bei den French Open in Paris. Der Österreichische Tennisverband zollt der ehemaligen Nummer eins für die außergewöhnlichen Verdienste um das heimische Tennis höchsten Respekt.

Wir schreiben den 11. Juni 1995. Die Anzeige im Stade Roland Garros zeigt 17:22 Uhr. Es ist eine der vielen Sandplatz-Rallys in diesem Match, eines von unzähligen Grundlinien-Duellen in seiner Karriere, aber mit Abstand das wichtigste. Erst der 22. Schlag, ein erzwungener Rückhand-Fehler des Amerikaners Michael Chang, entscheidet den Punkt, die Partie und das Turnier. Thomas Muster reißt die Hände in die Luft, lässt erst seinen Schläger, dann seinen ganzen Körper in die rote Asche fallen. Soeben hat er mit dem Triumph bei den French Open in Paris die wertvollste Episode der österreichischen Tennisgeschichte geschrieben.

Die Vorgeschichte
Bereits Jahre zuvor galt Muster als König der Sandplätze – wenngleich als ungekrönter. 28 Turniere hatte Muster vor dem wichtigsten Titel seiner Karriere gewonnen, 27 auf seinem Lieblingsbelag. Nur 14 Monate nachdem ihn ein betrunkener Autofahrer in Key Biscayne angefahren und beinahe um seine Karriere gebracht hätte, scheiterte der Steirer im Jahr 1990 im Halbfinale am späteren Sieger Andrés Gómez. Zwei Mal beendete Jim Courier seine Träume und zwei Mal unterlag Muster - stets als Co-Favorit angetreten - Spielern mit dem ungeliebten Aufschlag-Volley-Spielstil, nämlich Pete Sampras und Patrick Rafter.
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Der große Moment
Doch 1995 war das Jahr des Kämpfers aus Leibnitz: Sieg nach 0:1-Satzrückstand gegen den wenig bekannten Franzosen Gerard Solves, Drei-Satz-Erfolge über den aufstrebenden Lokalmatador Cedric Pioline und den Sandplatz-Wühler Carlos Costa und eine 6:3, 6:3, 6:0-Machtdemonstration gegen den damals erst 20-jährigen Andrei Medvedev. Es folgte das härteste Match, eine Fünf-Satz-Schlacht gegen den langjährigen Rivalen Albert Costa, die nach 1:2-Satzrückstand mit 6:2, 3:6, 6:7, 7:5, 6:2 an den Österreicher ging. Noch im selben Jahr sollte sich Costa im Finale von Kitzbühel in einer weiteren Fünf-Satz-Partie revanchieren, doch in Paris war Muster nicht zu stoppen. Weder im Halbfinale gegen Top-10-Spieler Yevgeny Kafelnikov noch im Endspiel gegen Michael Chang gab der damals 27-Jährige am Höhepunkt seiner Laufbahn einen Satz ab. Danach sprach Muster vom "längsten Tag meines Lebens", den er vor dem Finale erlebt hatte, und einem "unheimlich befreienden Gefühl, als es endlich vorbei war".

Die wichtigsten Stationen in Thomas Musters Karriere:muster_3

1980: Erste Entsendungen zu internationalen Turnieren vom Steirischen Tennisverband
1982: Mit nicht einmal 15 Jahren scheint Muster erstmals in der ÖTV-Herrenrangliste in der Setzgruppe 19 auf. Muster übersiedelt ins ÖTV-Leistungszentrum Südstadt. Damals gab es noch keine Schule im Leistungszentrum, deshalb ging Muster in die Handelsschule Mödling.
1983 wird Stan Francker ÖTV-Nachwuchs-Cheftrainer, ÖTV-Präsident war damals Theodor Zeh.
1984: Muster wird Nummer 1 der ITF-Jugendweltrangliste. Erster Einsatz im Davis Cup: Sieg gegen den Norweger Tony Jonsson. Erster Staatsmeistertitel in Hartberg mit 16 Jahren. Erster Einsatz auf der ATP-Tour, Sieg in Kitzbühel gegen den Amerikaner Jeff Borowiak.
1986: Erster ATP-Titel in Hilversum mit Finalsieg gegen den Schweizer Jakob Hlasek
1990: Halbfinal-Einzug mit Österreichs Davis Cup-Team
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1993: Titel in Kitzbühel, Drei-Satz-Sieg gegen Javier Sánchez
1995: French Open-Titel in Paris, allein in diesem Jahr zwölf Titel
1996: Muster wird im Februar die Nummer eins der Welt
1999: Vorläufiges Karriereende nach Erstrunden-Niederlage bei den French Open gegen Nicolas Lapentti
2004-2006: Kapitän des österreichischen Davis Cup-Teams
2010-2011: Comeback auf der Challenger- und ATP-Tour, Rückkehr in die Top 1000 der Weltrangliste, Karriereende nach Zwei-Satz-Niederlage gegen Dennis Bloemke beim Challenger von Salzburg

Titel und Rekorde
Obwohl der French Open-Titel 1995 sein einziger Grand Slam-Titel bleiben sollte, zeugen zahlreiche Meilensteine und Rekorde von der einzigartigen Karriere von Österreichs größtem Tennisspieler. Muster gewann 44 ATP-Turniere, wurde im Jahr 1996 Österreichs erste und bis dato einzige Nummer eins der Weltrangliste, hielt diese Position sechs Wochen lang und stand insgesamt 222 Wochen in den Top 10. Bei der Anzahl der Karrieresiege auf Sand (422) wird Muster bis heute nur vom Argentinier Guillermo Vilas (660) übertrumpft, seine Gewinnquote von 80 Prozent in Endspielen ist (unter Spielern mit zumindest 20 Finalteilnahmen) unübertroffen. Dazu ist Muster neben Roger Federer der einzige Spieler, der ATP-Turniere in 19 verschiedenen Ländern gewann.

Unvergessene Klassiker
Muster vertrat sein Land in 63 Davis Cup-Partien, wovon er 45 gewann. Dazu zählen legendäre Siege muster_2wie jene gegen Michael Chang und Andre Agassi beim Halbfinale in Wien gegen die USA oder der 12:10-Triumph im fünften Satz gegen den Deutschen Michael Stich in Graz. Zwar blieb dem Publikumsliebling ein Sieg in der Wiener Stadthalle – trotz dreimaliger Finalteilnahme – verwehrt, die ersehnten Heimerfolge gelangen aber 1993 in Kitzbühel sowie in den Jahren 1994 und 1995 in St. Pölten. Nach dem vorläufigen Ende seiner aktiven Laufbahn war Muster in den Jahren 2004 bis 2006 österreichischer Davis Cup-Kapitän und wagte 2010 im Alter von 42 Jahren ein Comeback auf der ATP- und Challenger-Tour. In Wien wurde er vom österreichischen Publikum bei den Duellen gegen die aktuellen österreichischen Spitzenspieler Andreas Haider-Maurer (2010) und Dominic Thiem (2011) frenetisch gefeiert und würdig vom aktiven Sport verabschiedet.


Stimmen zu Thomas Musters French Open-Triumph und seiner Bedeutung fürs österreichische Tennis:


Marion Maruska, ehemalige Spitzenspielerin und ÖTV-Nachwuchsadministratorin:
"Er war ein unglaubliches Vorbild, besonders auch für mich, nachdem ich vom Spielertyp eine Konterspielerin war und auch eine Knieverletzung hatte. Er hat uns Spitzenspielern, aber auch der breiten Masse gezeigt, was man mit Willen und Einsatz erreichen kann. Er hat einfach nie aufgehört zu kämpfen. Mit Horst Skoff oder Schilli Schaller im Einzel hat es auch noch andere Weltklasse-Spieler gegeben, aber mit einem Grand Slam-Titel und als Anführer der ATP-Rangliste war Tom natürlich die absolute Nummer eins und hat damals einen Tennisboom ausgelöst, der sehr lang angehalten hat. Das French Open-Finale hab ich zwar nicht mehr live vor Ort gesehen, weil ich zu dieser Zeit nicht mehr in Paris war, aber im nächsten Jahr hat er als Titelverteidiger das Turnier eröffnet, da war ich live dabei. Für das österreichische Tennis hat er eine unglaublich große Bedeutung."

Barbara Paulus, ehemalige Spitzenspielerin:
"An das Finale selber kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht mehr genau erinnern. Man steckt selber als Profi-Spielerin so mittendrin, erlebt so viele Hochs und Tiefs, da können die Details nach 20 Jahren schon verblassen. Ich kann aber sagen, dass es eine einzigartige Leistung war und es der Traum aller Tennisspielerinnen und Tennisspieler ist, ein Grand Slam-Turnier zu gewinnen - nur schaffen das die wenigsten. Er hat sich das total verdient, hat in jenem Jahr fast alle Sandplatz-Turniere gewonnen. Was ihn so charismatisch auf dem Platz und auch so sympathisch gemacht hat, war dieses Kämpfen bis zum Umfallen, im Match und auch im Training, sein unglaublicher Wille und seine Bereitschaft, 200 Prozent zu geben, sowie seine Konstanz, seine Fitness und seine Ausdauer."

Kons. Robert Groß, ÖTV-Präsident:
"Ich war in den 90er-Jahren ein begeisterter Muster-Fan, bei allen Davis Cup-Partien dabei und kenne Thomas Muster natürlich auch persönlich. Ein fantastischer Typ, der das Publikum mitgerissen hat und der in der österreichischen Tennis-Geschichte einzigartig ist. Solche Leute braucht das Tennis, leider ist er heute kaum in Österreich und stand nur wenige Jahre als Davis Cup-Kapitän zur Verfügung. Nach dem Boom in seiner Ära ist der Sport in ein Wellental gekommen - ähnlich wie es auch in Deutschland nach Boris Becker der Fall war -, und es ist nicht ganz gelungen, den Höhenflug der 90er bis heute mitzunehmen. Wir setzen als Verband aber alles daran, möglichst bald wieder an diese Zeiten anknüpfen zu können und eine neue Tennis-Euphorie zu entfachen. Der Davis Cup gegen die Niederlande Mitte Juli bietet dafür eine tolle Gelegenheit."

Thomas Hammerl, ÖTV-Geschäftsführer:
"Der Sieg des Grand Slam-Turniers in Paris 1995 hat zum damaligen Zeitpunkt eine noch nie dagewesene Dimension in Sachen Marketing und Werbung für den Tennissport in unserem Land ausgelöst. Wie so oft wird erst im Nachhinein bewusst, was es im harten Profigeschäft heißt, insgesamt 44 Turniere zu gewinnen. Der Österreichische Tennisverband zollt Muster für seine außergewöhnlichen Leistungen höchsten Respekt und er wird für das, was er für den Verband und für Österreich geleistet hat, immer eine Sonderstellung im ÖTV genießen."

Der ORF hat Thomas Musters Weg zum French Open-Sieg 1995 in einem halbstündigen Feature nachgezeichnet.

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